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Erfurt. Am 27. November ist es auf den Tag genau 25 Jahre her, da wurde Siegfried Hirschfeld Oberbürgermeister von Erfurt. Gewählt von der damals 225-köpfigen Stadtverordnetenversammlung, trat er an diesem Tag des Jahres 1989 aus der zweiten in die erste Reihe an die Spitze der Stadt. „Es waren wilde Zeiten“, erinnert sich der heute 77-Jährige. Rosemarie Seibert, die „rote Rosi“, war Tage zuvor abgetreten. Neun Jahre hatte Hirschfeld ihren Stellvertreter gegeben und als Vorsitzender der Stadtplanungskommission gewirkt – dann kam die Wende und er für sechs Monate ins Amt.

Angst vor dem Volk

Reformen wurden gefordert, die längst überfällig gewesen seien, erinnert sich der Diplom-Wirtschaftler. Reisefreiheit verlangten die DDR-Bürger. Die „Versorgung mit hochwertigen Konsumgütern“, wie Hirschfeld noch heute in SED-Diktion sagt, „stellte ein Problem dar“, „Pressefreiheit fehlte“ und „ein Ende der Machenschaften der Organe der Staatssicherheit“ wurde verlangt. Von kommunaler Selbstverwaltung war Erfurt weit entfernt: „Wir mussten uns in zu vielen Fragen an Direktiven aus dem Bezirk halten“, sagt er. Etwa zwei Jahre vor dieser Umbruchzeit hätte sich bereits aufgedrängt, wie nötig eine Änderung dieser Umstände sei. Doch die Parteiführung habe Angst gehabt. Angst, die Mieten, Preise und Gebühren zu erhöhen. Angst, dass dann die Menschen noch früher auf die Straße gegangen wären, um zu protestieren. „Es wäre aber nötig gewesen“, sagt Wirtschaftsfachmann Hirschfeld. 36 Mark als Miete, das sei ebenso unhaltbar gewesen wie der Kali-Export unter eigentlichen Produktionskosten. Reformen blieben aus, so sei die DDR „endlich“ gewesen.

„Keiner der Funktionsträger aber hat gesagt: Wir haben Fehler gemacht“

Dass dann „der Aufstand kam und das Begehren der Bevölkerung“ übermächtig wurde, sei nur verständlich gewesen. Am 25. und 26. Oktober hatte die Stadtspitze die Bürger eingeladen ins Rathaus, um ins Gespräch zu kommen und über all die Probleme zu reden. Der Kreis war zu klein, vor dem Rathaus standen vielleicht 1000 Menschen, die auch hinein wollten. „Die vor dem Rathaus riefen: Seibert raus.“ An ihm sei es gewesen, hinunter zu gehen, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. „Aber das war natürlich nicht genug.“ Am 28. Oktober lud die Stadtspitze in die Thüringenhalle ein. Hirschfeld erinnert sich: „Es war ein Fehler, dass dort Müller als Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung teilgenommen hat.“ An ihm und Rosemarie Seibert entlud sich der gesamte aufgestaute Zorn. „Keiner der Funktionsträger aber hat gesagt: Wir haben Fehler gemacht. Stattdessen wurde eine Verteidigungsposition eingenommen“, sagt Hirschfeld. Noch sei die Parteispitze davon ausgegangen, das Rad der Geschichte sei aufzuhalten. „Da war ja noch nicht so viel passiert in der Republik“, blickt Hirschfeld zurück. Und dennoch: „Alle wussten eigentlich, so kann es nicht weitergehen.“ Am 3. November 1989 dann kamen 80.000 Menschen auf den Domplatz. Lautstark wurde der Rücktritt Müllers und Seiberts gefordert. Noch war längst nicht die Rede von der Einheit Deutschlands. „Vielmehr ging es um Forderungen zum alltäglichen Leben und Fehler der Parteiführung, für die eine Entschuldigung verlangt wurde. Erst Mitte November wurde auf dem Domplatz Nieder mit der DDR gerufen, weg mit SED und Stasi. Ärzte, Handwerker, Kulturschaffende – sie alle machten bei Demonstrationen Forderungen auf. Nach mehr Wohnungen, nach Lösungen für die Probleme, die durch die Abwanderung entstanden. „Wir verloren in Erfurt damals schließlich täglich 50 Personen. Fachkräfte, Ärzte, Straßenbahnfahrer, Verkäuferinnen, die die DDR verließen. In den Stadtwerken klappte die Müllabfuhr nicht mehr“, nennt Hirschfeld eine Folge der Abwanderung. „Und es stand ein harter Winter vor der Tür.“

Bürgerwall gegen Häuserabriss

Den 9. November 1989, den Fall der Mauer, erlebte Hirschfeld zu Hause. „Ich war erschrocken“, erinnert er sich. „Doch es konnte gar nicht anders kommen. Wenn nicht am 9. November, so wäre es Tage später passiert“, ist er überzeugt. Am 10. Dezember 1989 bildeten 10.000 Erfurter einen sieben Kilometer langen Bürgerwall um das Andreasviertel, um die dem Verfall preisgegebenen Häuser und Wohnungen vor dem Abriss zu bewahren. In der „vorhergehenden Zeit“, wie Hirschfeld die Jahre vor der Wende nennt, sei aus Mangel an Baukapazitäten der Abriss von 243 Häusern mit 1456 Wohnungen beschlossene Sache gewesen. „57 Prozent dieser Häuser hatten kein Bad oder keine Dusche, 439 kein Innen-WC“, hat er auch heute noch die Zahlen parat. Gebaut werden sollten an deren Stelle große Wohnblocks, Plattenbauten wie schon am Südring. Und dieser Stadtring sollte bis auf den Domplatz verlängert werden. Vierspurig. Ein Vorschlag des damaligen Stadtplaners und späteren Baudezernenten: „Die Planung kam von ihm, auch wenn er es heute vielleicht nicht mehr wahrhaben will“, sagt Hirschfeld. „Wir brauchten 2000 neue Wohnungen pro Jahr, nicht nur in den Randbezirken“, erinnert er sich, das Vorhaben lange befürwortet zu haben. „Ich habe nicht gegen den Abriss gekämpft“, gesteht er ein. Damals aber seien die Baukombinate gänzlich auf Plattenbau ausgerichtet gewesen und gar nicht in der Lage, die kleinen Häuser herzurichten, rechtfertigt er das Vorhaben. „Die Stadt wuchs, wegen der Umformtechnik und der Mikroelektronik, wir hatten schließlich 221.000 Einwohner damals.“ Gegen die Abrisspläne setzte sich die Initiative Alte Universität vehement zur Wehr. „Aus heutiger Sicht war das ein großes Glück: Wenn wir heute dorthin schauen, ist ein wunderschöner Stadtteil entstanden. Das ist ein Verdienst der Initiative.“ Wäre die Wende ein halbes Jahr später gekommen, es wäre um das Altstadtviertel geschehen gewesen. „Wir hatten für den Abriss schon viele Häuser gekauft. Und das Viertel sah furchtbar aus. Mit dem Stopp für die Pläne ging es nun an den Wiederverkauf. Auf 28 Häuser kamen damals 400 Anträge, viele davon aus den alten Bundesländern“, erinnert sich der damalige Oberbürgermeister. „Wir haben alle Beschlüsse zum Andreasviertel geändert. Und auch ich war dann dafür, das Viertel zu erhalten. Sie merken: Auch für mich war die Wende ein Prozess“, so der 77-jährige Erfurter heute.

NVA-Soldaten übernahmen Braunkohle-Anlagen

Mitte Januar wurde ein Runder Tisch gebildet. Vier Mal hat er getagt. „Die 225 Stadtverordneten wurden nicht mehr ernst genommen, am Runden Tisch saßen nun 20 Menschen“ – darunter Hirschfeld. Und neue Probleme traten auf: „Mit der Grenzöffnung ging es los mit kriminellen Handlungen“, sagt Hirschfeld. Bombendrohungen gegen die Medizinische Akademie oder das Kaufhaus am Anger gingen ein: „Das war man so nicht gewohnt. Es war eine spannende, aber auch strapaziöse Zeit für mich“, blickt er zurück. Die Menschen standen Schlange im Rathaus: „In acht Wochen hatten wir 150 Anträge von namhaften Firmen aus den alten Bundesländern vorliegen, die sich niederlassen wollten in Erfurt. Banken, Versicherungen, Rechtsanwälte. Das musste genehmigt werden, sie brauchten Räumlichkeiten. Ein Gewerbeamt aber gab es damals gar nicht.“ Auch nicht für die 1100 Gewerbeanträge, die plötzlich auf dem Tisch lagen. Er habe dann den Vorschlag gemacht, die Stadtverordnetenversammlung aufzulösen und auch den Runden Tisch, um ein Interimsparlament zu bilden mit den neuen Gruppierungen und alten Parteien: „70 Abgeordnete, 13 Fraktionen. Wir waren uns schnell einig.“ Am 7. Februar wurde das Vorhaben umgesetzt: „Das war ein richtiger Zirkus“, sagt Hirschfeld und schmunzelt. „Wir haben in dieser Zeit bis in die Nacht hinein getagt, 80 Tagesordnungspunkte mit 750 einzelnen Punkten abgearbeitet. Den Verkauf von Häusern beschlossen. Oder versucht, Krankenschwestern zu finden für die Arbeit im Krankenhaus. Oder dafür gesorgt, dass Straßenbahnfahrer aus der Rente zurückkehrten, um das Leben am Laufen zu halten. Soldaten der NVA haben in jenen Tagen die Braunkohle-Anlagen übernommen, um die Fernwärme-Versorgung der Stadt zu sichern.“

Städtepartnerschaften zum Westen

An „Hirschfeld raus“-Rufe kann sich der „Modrow von Erfurt“ nicht erinnern. Nur Kerstin Schön von „Frauen für Veränderung“ habe von der Tribüne des Auditorium maximum der Pädagogischen Hochschule zur OB-Wahl heruntergerufen, er sei der falsche Mann. Und überhaupt müsse die Wahl eines neuen Oberbürgermeisters auf dem Domplatz stattfinden. Der Vorschlag fand keine Zustimmung, viele aber gaben Hirschfeld ihre Stimme, andere Kandidaten waren zuvor schon durchgefallen. „Natürlich hat es auch Kritik in meiner sechsmonatigen Amtszeit gegeben, sie war aber nicht auf meine Person bezogen oder politisch motiviert gegen einen von der alten Riege.“ Als Fachmann sei er anerkannt gewesen und nicht vordergründig als politischer Funktionär gesehen worden. Die Städtepartnerschaft mit Mainz hat er vorangebracht, Kontakte nach Essen geknüpft, das sieht er als seinen Verdienst. Klar, habe es in diesen bewegten Tagen auch Stimmen gegeben, die komplette Verwaltung müsse weg. Aber es habe wohl die Einsicht überwogen, dass das wohl ins Chaos geführt hätte. Zunächst sei es um eine Reformierung des Sozialismus gegangen – „lebbar sollte dieser werden“ – und nicht um dessen Abschaffung.

Unrechtsstaat? „Ich habe im Amt nicht 30 Jahre von früh bis spät Unrechtes getan“

„Die Verwaltung übernehmen, das können wir nicht“, hätten die neuen Gruppierungen übereingestimmt – damals. „So hat sich der Rat bis zum letzten Tag verantwortlich gefühlt und auch so gehandelt. Wir waren ein gutes Kollektiv.“ Die SED habe in diesen Tagen die Hiebe abgekriegt: „Alle anderen haben sich vom Acker gemacht“, verweist er auf die Blockparteien CDU, Nationaldemokraten, Bauernpartei, LDPD und Gewerkschaften. Nach der Wende seien sie wieder aufgetaucht – in ungeahnt hohen Positionen. 1963 war Hirschfeld in die SED eingetreten, am 28. Januar 1990 trat er aus und machte dies auch öffentlich: „Ich wollte OB für alle sein.“ Aus der Parteipolitik zog er sich vollends zurück, nachdem er seinem gewählten Nachfolger Manfred Ruge die Amtskette überreicht hatte. Hirschfeld baute daraufhin das Erfurter Finanzamt mit auf, arbeitete für eine Wirtschaftsauskunft, zuletzt war er zehn Jahre lang selbstständig mit einem Inkassobüro, zwei ehemalige Mitarbeiter aus dem Rathaus an seiner Seite. An Ruge übergab Hirschfeld ein Büro mit leeren Schränken. „So ist das in einem OB-Büro: große Schränke, nicht viel drin“, lacht er. „Warum hätte ich ihm Beschlüsse von Partei und Regierung überlassen sollen: Er musste neu anfangen. Und das war gut so.“ 14 Tage habe er dann noch in Ruges Vorzimmer gesessen, seinem Nachfolger Fragen beantwortet und geholfen, sich in der Verwaltung zurecht zu finden. Seine neue, untergeordnete Rolle sei nicht einfach gewesen. Aber eine Stadt mit geordnetem Haushalt, auf dem Papier schuldenfrei, habe er übergeben, schätzt Hirschfeld ein. 25 Jahre danach macht das Wort „Unrechtsstaat“ die Runde: „Das war die DDR nicht“, sagt Hirschfeld bestimmt. „Es wurde Unrecht getan an vielen Leuten auf vielen Feldern, das stimmt. Aber man kann nicht davon ableiten, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Schließlich war sie 1973 mit der BRD in die Uno aufgenommen worden, von 135 Staaten politisch und diplomatisch anerkannt.“ Er sagt: „Ich habe mehr als 30 Jahre in verantwortungsvoller Position auf kommunaler Ebene gearbeitet, da habe ich nicht 30 Jahre von früh bis spät Unrechtes getan – das hefte ich mir nicht an. Was der Staat getan hat, insbesondere was Staatssicherheit und Reisebedingungen betrifft, das ist außer Zweifel Unrecht. Aber man kann von solchen einzelnen Erlebnissen einzelner Leute nicht ableiten, dass die ganze DDR ein Unrechtsstaat war.“

„Ein gerechteres System“

Politikern aber stünde es nicht zu, die DDR zu beurteilen: „Das sollten Wissenschaftler tun“, sagt Hirschfeld. „Meine Meinung!“ – schickt er hinterher. „Das Thema gehört ins Geschichtsbuch und nicht in die Präambel eines Koalitionsvertrages.“ Die verminte Grenze und Mauer in Berlin war nur ein Schutz, dieses Staatswesen DDR am Leben zu erhalten? Im Rahmen des damaligen Systems sei sie nötig gewesen, sagt Hirschfeld. Sonst wäre die DDR „schon viel früher den Bach her­unter gegangen. Und ob das im Interesse der Sowjetunion gelegen hätte?“ 25 Jahre danach – gibt es etwas zu bereuen? „Ich habe die damalige Politik mitgetragen. Es wäre gelogen, wenn ich etwas anderes behaupten würde. Die Arbeit der Staatssicherheit habe ich im Nachhinein erst richtig zur Kenntnis genommen, da bestanden keine Kontakte“, sagt er. „Ich bin nicht der Mann, der die DDR wieder haben will“, stellt Hirschfeld klar. Obwohl nicht alles schlecht gewesen sei in der DDR. Das Bildungswesen nennt er als Beispiel, auch die Disziplin der Schüler. Die Polikliniken zählen für ihn ebenso dazu. In 100 Jahren werde über die DDR als kleines Kapitel der Weltgeschichte keiner mehr sprechen, vermute er. Er trauere dem alten System nicht nach, sei sich aber sicher, dass das jetzige mit seinen drastischen Unterschieden zwischen Arm und Reich nicht von Dauer sein könne. „Das kann dauern, aber es ist ein Prozess. Nicht als Rückkehr zum Sozialismus, sicher nicht. Aber es braucht ein anderes, gerechteres System“, sagt er.

Blick von oben auf die Stadt herab

Die DDR müsse gemessen werden an den Maßstäben ihrer Zeit, ist Hirschfeld überzeugt. Bei der Lebensqualität und auch, was technische Möglichkeiten angeht. So bekam Hirschfeld zu seiner Verabschiedung am 30. Mai für das Rathaus aus der Partnerstadt Mainz ein Faxgerät geschenkt. Zwei solche Geräte habe Mainz damals gehabt. „Heute unvorstellbar, in Zeiten der Computer, E-Mails und des Internets“, blickt der einstige OB von Erfurt zurück. Als „Wendehals“ sehe er sich nicht. Er habe nicht von heute auf morgen und mit wehenden Fahnen die Seiten gewechselt. „Mir hat das alles auch leid getan unser ganzes Arbeitswerk war für die Katz“, so Hirschfeld. Und dennoch: „Wir sind in Würde gegangen, nicht davongelaufen.“ Auf 30 Seiten hat er seine Erinnerungen an die Wende und seine sechsmonatige Amtszeit zu Papier gebracht. Nur für sich allein, nicht für die Öffentlichkeit. „Das war für mich eine Aufarbeitung, meine Vergangenheitsbewältigung sozusagen.“ Zum Ende der „vergangenen Zeit“, als der Stadtrat aufgelöst wurde, da hätten sich alle in ein gemietetes Flugzeug gesetzt. Start war in Bindersleben für eine halbe Stunde über den Dächern der Stadt. „Wir haben uns alles mal von oben angeguckt, was wir so gemacht haben. Und: Es sah nicht so schlecht aus.“

Frank Karmeyer / 26.11.14 / TLZ

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