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Für Christiane Alt ist seit dem 26. April 2002 nichts mehr wie es war. Seither bestimmt für sie dieser Tag mit all seinen Folgen ihr Leben, ihre Arbeit. Frank Karmeyer sprach mit der Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums – zwischen einem Termin im Kultusministerium und dem nächsten Fernseh-Interview… Wie geht es Ihnen, ein Jahr nach den Ereignissen an Ihrer Schule, kurz vor dem Gedenktag?
Wir haben jetzt viel zu tun. Da sind die Vorbereitungen für den Gedenktag. Gleichzeitig sind wir mitten in den Vorbereitungen auf die Abiturprüfungen und natürlich auch schon auf das nächste Schuljahr. Dazu kommt, dass das öffentliche Interesse von Woche zu Woche spürbar ansteigt. Ich habe aufgehört zu zählen, aber hunderte von Medienanfragen sind jetzt deutlich zu merken. Da bleibt unterm Strich wenig Zeit.

Woher nehmen sie die Kraft? Was ist Ihre Quelle?
Jeder hat und braucht die Möglichkeit, seine Batterie aufzuladen. Ich habe das auch.
Meinen Beruf auszuüben und das weiter zu machen, was ich jetzt mache, das basiert darauf, dass wir dieses Gutenberg-Gymnasium 1991 gemeinsam mit den Kollegen aus dem Nichts geschaffen haben. Es gab ja dieses völlig vernachlässigte Schulhaus. Vor elf Jahren haben wir mit 43 Lehrern begonnen, das daraus zu machen, was es geworden ist: ein anerkanntes Gymnasium. Zu den Opfern zählten viele Kollegen, die von der ersten Stunde an mit dabei waren. Ich habe viele Erlebnisse mit diesen Kollegen, Pioniergeist konnte man das 1991 nennen. Wir haben Stück für Stück geschafft, wir haben Schulreformen umgesetzt, wir haben dem Haus ein paar Dinge abgerungen. Wir haben alle eine Arbeit geleistet, die man nicht mit neun Minuten paarundfünfzig Sekunden zunichte machen lassen darf. Das ist für mich der Auftrag, den ich für mich selbst abgeleitet habe. Ich habe mich oft gefragt, was hätten die Kollegen gemacht, wenn es umgekehrt gewesen wäre, wenn Sie nun statt meiner vor der Frage gestanden hätten. Bei vielen kenne ich die Antwort, weil ich die Menschen sehr gut kannte. Das ist der Ansatzpunkt, warum ich das mache.

Wie gehen sie damit um, dass Robert Steinhäuser am 26. April 2002 ganz gezielt nach Ihnen gefragt und gesucht hat?
Der Umstand trägt sich schwer. Aber es hat eine gewisse Logik, schließlich ist der Schulleiter die Instanz, die Entscheidungen fällen und verkünden muss. Der Postbote bekommt immer die Prügel für die schlechte Nachricht, die er überbringt. Auch bei den Medien ist das nicht anders. Jeder der Verantwortung hat, auch in anderen Berufsgruppen, muss mit Anfeindungen leben. Das es sich um einen Angriff mit Waffengewalt auf das Leben handelt, das ist in unserer Berufsgruppe neu.

Gab es im vergangenen Jahr auch Momente, in denen Sie gedacht haben, ich kann nicht mehr, ich wechsele die Schule und muss weg von dem Ganzen?
Meinen Beruf übe ich seit 25 Jahren aus. Und ich habe mit den Schülern ein gutes Verhältnis, auch wenn ich mehr der Verwaltungsmensch in meiner Schule bin. Aber wenn ich heute die Schüler sehe, sie erlebe, dann wüsste ich nicht, warum ich meinen Beruf nicht mehr ausüben sollte. Nur weil ein Schüler Lehrer getötet hat? Ich werde immer gern gefragt, ob ich Angst habe vor den Schülern. Wenn man Angst hätte, dann könnte man den Beruf nicht ausüben. Ich vermute nicht hinter jedem Schüler einen Gewalttäter und bin genauso offen den Schülern gegenüber, wie ich’s immer war. Diese Frage hat sich für mich also überhaupt nicht gestellt.

Sie sind nahezu täglich im Gutenberg-Gymnasium, am Ort der schrecklichen Ereignisse.
Ist dies ein Teil ihrer Aufarbeitung?
Ja, das kann man so sehen. Ich habe das Haus in allen Phasen erlebt. Das grauenvolle Geschehen am 26. April und das Haus zwei Tage später als unmittelbaren Tatort. Dann in der Phase, als es Ermittlungsort für die Polizei war, dann in der Phase des Ausräumens. Und jetzt, wo es sich innen als Baustelle eröffnet ohne Mobiliar, ohne Kinderstimmen, ohne Menschen – vielleicht sind Bauarbeiter dort oder auch niemand – ich denke, das gehört für mich dazu, das Haus in all diesen Phasen bewusst zu erleben. Und es gab Phasen, wo es viel schwerer aushaltbar war, als in dem jetzigen Zustand. Wir beschäftigen uns gerade mit dem Umbau und binden dabei Schüler und Lehrer mit ein, die sich auf diese Weise ebenso Meter um Meter das Haus erschließen können. Ich hätte es sicherlich nicht ausgehalten, dort nicht wieder hinzugehen.

Sind sie trotzdem im vergangenen Jahr zum Nachdenken gekommen?
Natürlich. Bei aller Geschäftigkeit, mitunter in Hektik und scheinbar ohne Pause, gibt es immer Möglichkeiten zum Nachdenken. Der 26. April 02 hat uns keinen Tag so richtig losgelassen, weil wir permanent mit den Folgen leben und arbeiten müssen. Ohne eine Auseinandersetzung mit dem Geschehen könnte man das nicht ertragen. Was es bedeutet, sich dem zu stellen, was ein solches Geschehen nach sich zieht, das kann sich kein Mensch vorstellen. Es ist nicht nur die grauenvolle Tatsache, den Verlust der Menschen ertragen zu müssen und lernen zu müssen, ohne sie zu sein. Es sind auch die vielen Dinge am Rande, die sich meist auf die Menschen fokussieren, die überlebt haben: Die Schüler, die Lehrer, die Angehörigen.

Durch die Medien gibt es zwei Gesichter, die man mit den Ereignissen am Gymnasium verbindet. Das eine ist das von Herrn Heise, das andere ist Ihres…
Ich nehme das so an. Ich kann nicht für Herrn Heise sprechen, sondern nur für mich. Wenn man Lehrer ist, in einer Stadt, und ich bin das jetzt seit 25 Jahren, dann ist man sowieso ein öffentlicher Mensch. Wenn man zwölf Jahre Schulleiterin ist, noch mehr. Aber dies hat jetzt natürlich ein Ausmaß angenommen, das man lernen muss. Egal wo man hinkommt, wird man zunächst mit dem Geschehen an der Schule in Verbindung gebracht. Und man wird immer wieder und überall angesprochen. Viele tun dies in sehr wohlwollender Absicht. Sie erzählen mir oft, wie sie die Tat erlebt haben und die Geschehnisse verfolgen. Es gibt aber auch diejenigen, bei denen man diese entsetzliche Neugier spürt. Wo derjenige meint, vielleicht weiß sie doch etwas mehr, was noch in keiner Zeitung gestanden hat… Das kann mitunter sehr anstrengend und verletzend sein. Diese Momente blanker Sensationsgier sind sehr unangenehm.

Der Eindruck ist, dass sie sich nach außen sehr abgeschottet haben, die Dinge sehr sachlich und abgeklärt betrachten, nicht in ihr Inneres blicken lassen…
Das ist richtig. Wäre ich Lehrerin am Gutenberg-Gymnasium, hätte ich wahrscheinlich niemals einem Journalisten irgendeine seiner Fragen beantwortet. Ich tue das, weil Öffentlichkeitsarbeit ein Teil meiner Aufgabe ist. Der Schulleiter repräsentiert seine Schule nach außen – sowohl in guten Zeiten, als auch solchen, in denen Ausnahmezustand herrscht. Also versuche ich die Informationen, die die Menschen brauchen, um das Geschehene einordnen zu können und auch die Infos, wie die Situation ist nach einem Jahr, zu transportieren. Mehr nicht. Was ich nicht zu transportieren bereit bin, ist mein Privatleben, auch wenn dies untrennbar damit zusammenhängt. Trauerarbeit ist privat, sehr privat.

Gibt es auch psychologische Hilfe für Sie?
Das gehört in den Bereich dieser privaten Angelegenheiten. Da wird viel spekuliert. Aber ich rede darüber nicht, weil das wirklich eine Sache ist, die jeder mit sich selbst abtun muss. Und ich glaube nicht, dass das für die Leute von so großem Interesse ist, wie ich persönlich damit umgehe. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, nicht darüber zu reden.

Sind Sie eine andere Direktorin geworden im zurückliegenden Jahr?
Ich bin ein anderer Mensch geworden. Solche Erlebnisse und die Folgen, die täglich zu spüren sind, bringen zwangsläufig eine Veränderung. Also bin ich auch eine andere Schulleiterin geworden. Nichts ist mehr wie es war nach dem 26. – für niemanden von uns.
Ich musste lernen, noch mehr Geduld aufzubringen. Das ist notwendig, wenn man mit Menschen arbeitet, die psychisch belastet sind. Wir haben es uns nicht leisten können, Fehlentscheidungen zu treffen, die anderen nicht gut tun. Geduld zu haben, dass ist das Wichtigste. Noch mehr, als ein Lehrer ohnehin aufzubringen hat.

Haben Sie eigentlich personelle Hilfe bekommen? Neben den Aufgaben als Direktorin haben Sie schließlich Etliches mehr an Belastungen: der Umbau der Schule, Medienanfragen…
Anfragen von Medien werden von einem Gremium im Kultusministerium mit abgefangen. Nebenbei läuft das Baugeschehen an der Schule, hier sind Bauverwaltung, Hochbauamt und mehrere Arbeitsgruppen zuständig. Mir bleibt dennoch nicht erspart, auch in diesen Arbeitsgremien mitzuarbeiten, um die Schule zu vertreten. Seit dem 6. Januar habe ich eine Stellvertreterin, die das Tagesgeschäft an der Schule unter erschwerten Bedingungen versteht. Unser Alltagsgeschäft ist nicht mehr das einer Schulleitung, weiß Gott nicht. Es ist immer noch Krisenbewältigung, es ist das Baugeschehen, das Aufpolieren der Interimsschule, in der wir immer noch nach besseren Lösungen suchen, und es ist natürlich auch das Arbeiten mit dem vielen Personal. Aber mit einer Schulleitung, wie ich sie elf Jahre an einem Gymnasium hatte, hat das seit einem Jahr nichts mehr zu tun.

Sie und die Schüler wollen unbedingt in das alte Schulgebäude zurück…
Dass sich der Bau nun um ein Jahr verzögert, lässt den Wunsch nur noch deutlicher werden. Wie das dann im Jahr 2004 sein wird, das kann niemand beantworten.

Was jetzt mit dem Gebäude passiert – hat dies die Zustimmung der Schüler gefunden?
Es gibt unterschiedliche Auffassungen zu Details. Nicht jeder wird jede Entscheidung zu 100 Prozent mittragen, das ist nicht möglich. Doch die Schüler und Lehrer können über ihren Arbeitsort reden. Alles muss sich unter einen Hut bringen lassen mit Fragen der Sicherheit und Ausstattung. An solchen sensiblen Punkten – wie gehen wir mit dem Gedenken in dem Haus um, wie wünscht man sich den Ort, an dem man sich treffen kann – da werden wir besonders gut zuhören, welche Wünsche Schüler und Lehrer einbringen, damit die Architekten dies umsetzen können.
Was ist der Gedenktag für Sie? Was verbinden Sie damit?
Zunächst unheimlich viel Hektik. Weil der Tag voll organisiert sein wird, mit vielen Aktionen und Aktivitäten. Um 9 Uhr morgens werden wir mit der Schulgemeinschaft die Gedenkandacht haben, wo wir untereinander sein können, auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das wird die Stunde sein, in der die Schüler, Lehrer und die Angehörigen so zusammen sind, wie sich die Schule das wünscht. Danach werden wir zum Schulgebäude gehen und dort so stehen wie am 26. und an den Tagen danach. Wir werden Blumen niederlegen und es wird eine offizielle Kranzniederlegung geben. Dann werden sich die meisten zum Domplatz bewegen, um dort die zentrale Gedenkfeier mitzuerleben und auch mitzugestalten. Schüler, Lehrer und andere werden dort ihre Lebenswünsche äußeren. Und ich werde die Gelegenheit nutzen, den Dank der Schule zum Ausdruck zu bringen. Denn vor uns stehen die Bürger der Stadt Erfurt und die Gäste der Stadt. Und besonderes Anliegen ist auch – neben dem Gedenken an die Toten – sich bei denen zu bedanken, die geholfen haben, dass alle Überlebenden bis hierher kommen konnten. Es gibt keine Gelegenheit, allen Menschen in Deutschland so zu danken, wie es eigentlich notwendig wäre und wie wir es uns wünschen würden.

Und für Sie persönlich, was bedeutet dieser Tag für Sie?
Durch die Veranstaltung ist es zunächst ein organisierter Tag, der kaum Platz bietet. Ich werde mir aber diesen Raum eröffnen. Unabhängig von dem, was andere tun. Denn das gleiche Recht, das für alle Lehrer und Schüler gilt, nehme ich auch für mich in Anspruch. Ich muss ein wenig mehr tun, als die verschiedenen Angebote zu nutzen. Schließlich bin ich Teil dieses Angebots. Und am Rande des Tages habe ich mir das Schlupfloch eröffnet, wo ich selbst den Dingen nachgehen kann, die für mich an diesem Tag wichtig sind. Und das werde ich ohne Öffentlichkeit tun.

Ein Platz zum Wohlfühlen und an dem man sich geborgen fühlt?
So ist es. Den werde ich am Ende der Veranstaltung haben. Mit Menschen, die in dem ganzen Prozess für mich wichtig sind. Das kann ich allen nur wünschen. Denn es wird ein schwerer Tag werden – für uns alle.

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