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In die Worte der Stadtführerin an die Touristen – „Sie befinden sich hier auf der Krämerbrücke…“ – mischt sich immer wieder das Geräusch einer Schnarre, die vorm Kinderbuchladen ein jeder ausprobieren will.

Es ist heiß und Egon Zimpel hat seine fünf Sprossen-Fenster geöffnet, die ihn am Leben auf dem Erfurter Wahrzeichen teilhaben lassen, selbst wenn sie geschlossen sind. Von der schmalen Gasse dringt jedes Wort herauf in Wohnung und Atelier des Malers, Grafikers und Filmemachers, sucht sich den Weg herauf am „Haus zum bunten Löwen“, hinein in die niedrige und vielleicht 50 Quadratmeter große Wohnung.

„Zimpel“ steht seit mehr als 40 Jahren an der Klingel des Hauses, in dessen Erdgeschoss der Verband bildender Künstler seine Galerie hat. Ein „bunter Hund“ im besten Sinne ist Egon Zimpel – und für die Krämerbrücke gekämpft hat er in den Nachwendejahren wie ein ­Löwe.

Längst ist der fast 70-Jährige zu einem Teil des Erfurter Wahrzeichens geworden. Egon eben: Er duzt und wird geduzt, ein Künstler halt und vielen ein alter Bekannter.

„Man kennt sich hier, die Krämerbrückenleute sind eine eingeschworene Gemeinschaft“, sagt Zimpel. Jedes Jahr im Sommer – das diesjährige steht noch aus – feiern sie ihr ganz eigenes Krämerbrückenfest. Auf Zuruf, wenn das Wetter stimmt, rücken sie die Tische raus, essen und trinken gemeinsam an einer langen Tafel. „Erst sitzen immer alle daran, wie sie sich auf die Hausnummern der Brücke verteilen – später aber mischt sich das“, sagt Zimpel. Man kennt sich, man sieht sich mal wieder, man trifft sich und achtet sich, weiß er.

1972 zog er dort ein, wurde Teil dieser Gemeinschaft, die ihm wie ein Dorf inmitten der Stadt vorkommt. Damals, so erinnert er sich, standen viele Häuser leer, verfielen zusehends. Saniert wurde nur sporadisch das eine oder andere Brückenhaus. Ein so durchgängig schönes Bild wie heute habe die Krämerbrücke damals nicht geboten.

Ein möbliertes Zimmer habe er damals bewohnt, seit er 1968 nach Erfurt gekommen war mit dem Auftrag, Neubauten farblich zu verschönern. Die Arbeiten für das Wohnungsbaukombinat landeten alle in der Schublade, wurden nie umgesetzt, doch die Frage „Willste nicht?“ seiner Vormieterin auf der Krämerbrücke sollte sein weiteres Leben bestimmen: Sie, die ihrem Mann nach Berlin hinterherzog, überließ ihm die Wohnung im Haus zum bunten Löwen, eigentlich für eine Übergangszeit. „Ich kehre zurück“, habe sie damals beteuert. Daraus wurde nichts – und Egon blieb Krämerbrückenbewohner.

Afrikanische Instrumente und Masken an den Wänden zeugen von seinen Reisen, Bücher und Bildbände stapeln sich in den Regalen oder auch einfach auf den Fachwerk-Balken seiner Wohnung. „Treu und verwachsen“ sei er nun mit seiner Brücke, die Enge sei angenehm und er wohne schließlich in einem Stück Geschichte, die hier zu atmen sei, sagt Egon Zimpel. Er müsse lange nachdenken, um sich zu erinnern, wann das letzte Mal jemand weggezogen sei von dort. „Wir“, sagt Zimpel, „haben wieder ein Baby bekommen“ – im Haus schräg gegenüber hat sich Nachwuchs eingestellt.

Der Künstler, der unter anderem Plakate für die großen Krämerbrückenfeste gestaltete, hat ihr eine Liebeserklärung verfasst: Zu zwei Auflagen hat es sein Buch zum Krämerbrückenkater Franz gebracht, ob es eine weitere geben soll, hat Egon noch nicht zu Ende gedacht. Franz, inzwischen verstorben, „ist mehr gewesen als eine Katze“, sagt der Künstler. Holzbildhauerin Gabriele Leuschner gab dem Kater ein Zuhause im Haus Krämerbrücke 22, doch das umtriebige Tier habe sich oft in fremden Häusern wiedergefunden, sei nach Tagen mal hier, mal dort wieder aufgetaucht: „Franz war mehr ein Mensch.“

Hans-Jörg Dost, Buch- und Hörspielautor, und Egon Zimpel, Maler auf der Krämerbrücke, haben ihm in ihren heiteren, bisweilen nachdenklichen Alltagsgeschichten ein Denkmal gesetzt. Die 36 Bilder im Buch „Ein Sommer mit dem Brückenkater Franz“ entstanden eigentlich als „gemalte Briefe“. Egon Zimpel schickte sie an den Autor, zu dessen Inspi­ration.

Wenig inspiriert fand Zimpel hingegen die Idee dieses Jahres, dass sich die Krämerbrückenleute zum großen Fest doch mittelalterlich gewanden könnten, um den Charakter der Veranstaltung zu befördern: „Die Brücke lebt und wir leben doch heute“, sagt er mit Nachdruck. Sowas Antiquiertes passe nicht hierher.

Geschnarre und Geschwatze in der Gasse ändert nichts daran, dass Egon Zimpel sich freut, dass dort Ruhe eingekehrt ist – wenigstens im übertragenen Sinne. Unvergessen sind sein Engagement für den Erhalt des Ensembles und sein Einsatz zur Gründung einer Stiftung dafür. Er war es, der sich in den frühen 1990er Jahren an die Spitze einer Bürgerinitiative Krämerbrücke setzte, als Gerüchte aufkamen, die Stadt wolle sie verkaufen.

Interessenten, bestätigt Alt-Oberbürgermeister Manfred Ruge, habe es damals einige gegeben. Und ein sonntägliches Gespräch im Rathaus zwischen Zimpel und Ruge, der einem Verkauf zunächst gar nicht völlig abgeneigt gewesen sei, wie sich Egon Zimpel auch heute erinnert.

„Manfred, von was sprichst du denn?“, habe er dem damaligen OB klargemacht: Die Brücken Erfurts gehörten schließlich der Stadt, verkaufen ließe sich aber nur Grund und Boden – ein Verkauf sei schon daher völlig undenkbar.

Dass 1996 die Stiftung Krämerbrücke gegründet wurde, auch daran sieht Zimpel einen nicht unerheblichen Anteil seines Werbens und Wirkens. Und es sei der richtige Schritt gewesen, blickt er zurück: „Es war und ist ein Segen“, sagt Zimpel, der von seinen Schreibtisch aus auf das Haus der Stiftungen gegenüber blickt.

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