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Schnaufend windet sich der Zug durch das Grün, vorbei an Reisfeldern, Zimt- und Bananenplantagen, dann durch Tropenwald und schließlich tiefgrüne Teefelder, die die Hügel bis zum Horizont bedecken. Farbtupfer darin: Die Teepflückerinnen, die kurz aufschauen von ihrer Akkord-Arbeit, und bunte Regenschirme, auf die der warme Monsunregen prasselt. Wir sind in Sri Lanka, bis 1948 Ceylon genannt, und noch immer die Perle im Indischen Ozean.
Der singhalesische Gruß „Ayubowan“ wird wie das Winken derer, die an den offenen Wagontüren stehen und sich an der langsam vorbeiziehenden Landschaft berauschen, mit einem freundlichen Lächeln erwiedert.

Wie im Takt der Thammattam-Trommeln, die so heißen, wie sie klingen, geht es gemächlich ratternd in die Berge. Gestern hörten wir sie noch im Zahntempel von Kandy, wo Gläubigen und eintrittzahlenden Touristen ein kurzer Blick in den Schrein und auf den linken oberen Eckzahn Buddhas gewährt wird.
Nuwara Eliya heißt der Kurort und das Ziel unserer Bahnfahrt: die Stadt über den Wolken. Hier haben die Briten neben dieser Tradition und herrschaftlichen Hotels im Kolonialstil wohl auch ausladende Schnurbärte im Gesicht der Kellner zurückgelassen, die dem British Empire noch heute würdig sind.
Wir haben ein Ticket für den Panoramawagen, der gepolsterte Bequemlichkeit und verglaste Aussicht verspricht. Doch das Leben spielt sich in der zweiten, der dritten Klasse ab mit ihren Holzbänken, den vorbeihastenden Händlern, die Limonade oder Arrack-Schnaps verkaufen oder Teigtaschen mit gefährlich scharfer Füllung.
Viereinhalb Stunden für die knapp 100 Kilometer lange Strecke und die 1900 Meter Höhenunterschied braucht der museumsreife Zug. Doch eilig hat er es auch heute nicht, den Fahrplan einzuhalten: Bereits auf halber Strecke ist er 90 Minuten verspätet. Niemand stört sich daran. Im Gegenteil. Es bleibt mehr Zeit für Begegnungen – für Reiseerlebnisse und Geschichten.
Von Francoise aus Frankreich und Jose aus Spanien beispielsweise. Die beiden Asienreisenden haben sich an der Ostküste Sri Lankas getroffen. Dort, wo Flüchtlingscamps und Checkpoints an holprigen Straßen an den 20 Jahre währenden Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Singhalesen erinnern, der jetzt drei Jahre zurückliegt. Und wo das einzige Hotel zu finden ist, das auch während der blutigen Auseinandersetzungen in dieser Region stets geöffnet war – stand das Personal unter Waffen, bekochten sich die Gäste eben selbst, heißt es.
Für Prem Kumar, Direktor des Nilaveli Beach-Hotels, macht es keinen Unterschied, ob jemand Hindu, Moslem, Buddhist oder Christ ist – warum sein Hotel keinen Treffer abbekam und nicht geplündert wurde, bleibt jedoch sein Geheimnis. Noch ist es das einzige am breiten, weißen Sandstrand – fernab von Massentourismus und Souvenirhändlern. Der gewiefte Hotelchef ist Francoise in Erinnerung geblieben und ebenso Kamal Deen, ein 41-jähriger Singhalese. Der spricht Tamilisch, ist Moslem und hofft nach fünf Jahren im Flüchtlingscamp auf mehr Touristen, die ihn und seine Familie ernähren. Denn Kamal ist Unternehmer, Fremdenführer und Kapitän in einer Person. Der Vater von acht Kindern hat ihn überlebt, den Konflikt zwischen Singhalesen, meist Buddhisten, und Tamilen, meist Hindus, in dem nun die Waffen ruhen. Er schipperte Francoise und Jose in seinem Boot zu vorgelagerten Inseln und einsamen Buchten und ließ sie sich fühlen wie Robinson und Freitag auf Zeit. Jetzt sind die beiden Sri-Lanka-Fans unterwegs gen Süden, in eines der Surf-Paradise.
Thomas aus München ist allein unterwegs und hat das gleiche Ziel. Nach seiner Pauschal-Rundreise will er sich am Strand entspannen, noch weiter auf die Malediven fliegen. Eine Kombination, die ihm sein Reiseveranstalter vorgeschlagen hat. Das Elefantenwaisenhaus in Pinnawela hat er fotografiert und den Weg der Dickhäuter zum Bad im Fluss. Und die Gaukler, die für ein paar Rupien Schwerter schlucken in den Straßen von Colombo. Den Hindutempel Swami Rock hat er gesehen und die Buddha-Figuren im Felsentempel von Dambulla.
Er war auch bei den „Wolkenmädchen“ der Felsenfestung Sigiriya – die barbusigen Schönheiten betörten vor rund 1500 Jahren den Festungsherrn, der als überängstlich in die Geschichte einging. Heute betören sie mit ihrer Schönheit die Touristen, die in den frühen Morgenstunden den schwindelerregenden Aufstieg über etwa 1000 endlose Stufen und Wendeltreppen hinauf auf das Felsplateau wagen und vom Ausblick nicht enttäuscht werden.
Bertie Fernando hört, dass wir Deutsch sprechen. Er ist über 70 und reicht uns etwas von seiner Fisch-mit-Reis-Portion – „very hot“, sehr scharf warnt er. Überraschender sind die Brocken Deutsch, die er aus dem Gedächtnis hervorkramt. „Drei Jahre lang Deutschland“, sagt er grinsend und zeigt seinen zahnlosen Mund. Diplom-Ingenieur habe er gelernt – das war 1970. Die Rückkehr sei abenteuerlich gewesen: 17 Tage dauerte sie in seinem roten Peugeot 404…
In Nanuoya müssen wir aussteigen. Ab hier ruckelt der Zug ohne uns weiter. Bertie steht am Fenster und winkt zum Abschied: „Auf Wiedersehen!“
Vorbei an einem britischen Pub, einer Pferderennbahn und Martkständen geht es per Bus zum Hotel St. Andrews. Es ist frisch hier im Hochland: Männer auf den Straßen tragen zu ihren Sarongs Helli-Hansen-Anoraks und Fleece-Pullover, die es auch an den Ständen zu kaufen gibt: Nach Tee ist Kleidung der zweitwichtigste Exportartikel Sri Lankas.
Im Kaminzimmer wartet schon der „Five-o’clock-Tea“ auf uns: Irgendwie war der Zug also doch pünktlich für unsere Verabredung – in der Stadt über den Wolken…

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