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		<title>Vilniuser Bürgermeister überrollt Falschparker mit Panzer</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Aug 2011 09:57:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Erfurt/Vilnius. Arturas Zuokas ist ein Mann ganz nach Kathrin Hoyers Geschmack: Die Grünen-Chefin im Erfurter Stadtrat hat sich schon im Internet schlau gemacht, um Näheres über den 43-Jährigen zu erfahren, wie sie verrät. Arturas Zuokas ist Bürgermeister in Erfurts Partnerstadt Vilnius, begeisterter Radfahrer, hat einen besonderen Humor und etwas gegen ewige Falschparker auf Radwegen: Mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Erfurt/Vilnius. Arturas Zuokas ist ein Mann ganz nach Kathrin Hoyers Geschmack: Die Grünen-Chefin im Erfurter Stadtrat hat sich schon im Internet schlau gemacht, um Näheres über den 43-Jährigen zu erfahren, wie sie verrät. Arturas Zuokas ist Bürgermeister in Erfurts Partnerstadt Vilnius, begeisterter Radfahrer, hat einen besonderen Humor und etwas gegen ewige Falschparker auf Radwegen: Mit einem tonnenschweren Radpanzer hat Zuokas jetzt einen Mercedes überrollt, der auf einer Vilniuser Hauptstraße im Halteverbot steht. Und das vor laufender Kamera. Glas splittert, Blech knarzt, Zuokas grinst, als das Fahrzeug über den Falschparker hinwegrollt. Als könne er seine Aktion selbst nicht glauben, schaut er zurück auf das, was von dem Auto übrig geblieben ist: eine zerknautschte Karosse, nur noch Schrott. Es seien die Ferraris, die Rolls Royces und andere Nobelkarossen, die immer wieder auf Radwegen und im Halteverbot stünden. &#8220;Was soll eine Stadt mit Autofahrern tun, die denken, dass sie sich über das Gesetz stellen?&#8221;, fragt der Vilniuser Bürgermeister im Video. Und gibt sich gleich selbst die Antwort: &#8220;Ein Panzer scheint die beste Lösung.&#8221; Steigt auf einen Panzer, fährt los &#8211; und ruft allen Falschparkern zu: &#8220;Das ist das, was passieren wird, wenn ihr euer Auto illegal abstellt.&#8221; Der vermeintliche Autobesitzer naht und schaut ratlos drein. Das Schrottauto wird verladen, Arturas Zuokas kehrt noch ordentlich die Scherben auf &#8211; schwingt sich auf seinen Elektroroller und fährt davon&#8230; Das Video, das derzeit im Internet kursiert, wird nicht nur von Kathrin Hoyer in sozialen Netzwerken verteilt. Mehr als 1,4 Millionen mal wurde der Youtube-Film bereits angeschaut, erst seit Dienstag ist er im Netz und hat seither viele zustimmende Kommentare erhalten. Die außergewöhnliche Aktion soll gemeinsam mit den Machern der schwedischen Fernsehsendung &#8220;99 Dinge, die man tun muss, bevor man stirbt&#8221; entwickelt worden sein, der Mercedes ein von der Stadtverwaltung erworbener Gebrauchtwagen. &#8220;Den Panzer finde ich nicht so toll, auch nicht als Mittel gegen Falschparker. Die Aktion an sich aber ist klasse&#8221;, sagt die Grünen-Politikerin. Auf jeden Fall sei sie werbewirksam. Währenddessen hänge Erfurt einer Verkehrsplanung nach, die sich aufs Auto konzentriere, antiquiert sei und den Charme der 60er Jahre habe, kritisiert Hoyer, die selbst 2008 in der litauischen Partnerstadt war und diese als &#8220;wunderbar&#8221; kennengelernt hat. Jüngstes Beispiel: Im Finanzausschuss musste sie zähneknirschend erleben, wie 50.000 Euro für den Geh- und Radwegebau umgelenkt wurden &#8211; für eine Maschine, die Asphaltlöcher stopft. Erst vor vier Wochen waren zusätzliche 1,3 Millionen Euro für den Straßenbau bereitgestellt. Ein Unding, so Hoyer. Dabei habei Erfurts Oberbürgermeister <a>Andreas Bausewein</a>vor seinem Urlaub noch angekündigt, es müsse mehr für den Radverkehr getan werden. &#8220;Dafür braucht es aber auch mehr Geld&#8221;, sagt Kathrin Hoyer. Doch diese Einsicht fehle. Für den Radwegebau hätten in diesem Jahr die 50.000 Euro nicht mehr abfließen können, habe das Tiefbauamt argumentiert. &#8220;Wenn die nicht wissen, wo Radwege gebraucht werden, können sie uns ruhig anrufen&#8221;, empfiehlt die Fraktionschefin der Grünen.</div>
<p>Und die Falschparker in Erfurt? 14 Planstellen sind in Erfurt derzeit mit Politessen besetzt. 2010 brachten Verwarn- und Bußgelder etwas 1,3 Millionen Euro in die Stadtkasse. Im laufenden Jahr sind es bereits 880.000 Euro. Knapp 80 Prozent davon entfallen auf Falschparker, erklärt Jörg Rindfleisch, Dezernatsreferent für Ordnung und Sicherheit, der Rest auf andere Verstöße, etwa von Gewerbetreibenden. Äußerst unwahrscheinlich, dass in Erfurt Autos überrollt werden, man setzt auf Abschleppen. Schon vor der Parkkralle schreckt man in Erfurt zurück: &#8220;Das kann als Nötigung ausgelegt werden&#8221;, sagt Rindfleisch &#8211; und schließlich stehe das Auto damit ja weiterhin an illegaler Stelle.</p>
<p>Unterdessen freut sich Kathrin Hoyer auf eine Begegnung mit Arturas Zuokas und &#8220;vielleicht eine gemeinsame Radfahrt&#8221;: Der Bürgermeister von Vilnius wird vom 16. bis 18. August in Erfurt zu Besuch bei den Stadtwerken sein &#8211; ganz sicher ohne Panzer.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Mein Beruf</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:49:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Journalist, der; -en, -en [frz. journaliste]: jmd., der als freier Mitarbeiter, als Auslandskorrespondent od. Mitglied einer Redaktion Artikel o. Ä. für Zeitungen od. andere Medien verfasst bzw. redigiert od. der als Fotograf Bildberichte liefert: er ist freier J., arbeitet als J. beim Funk; der Star war von einem Schwarm [von] -en umlagert. Es gibt vermutlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Journalist, der; -en, -en [frz. journaliste]:<br>
jmd., der als freier Mitarbeiter, als Auslandskorrespondent od. Mitglied einer Redaktion Artikel o. Ä. für Zeitungen od. andere Medien verfasst bzw. redigiert od. der als Fotograf Bildberichte liefert: er ist freier J., arbeitet als J. beim Funk; der Star war von einem Schwarm [von] -en umlagert. </p>
<p>Es gibt vermutlich so viele Wege Journalist zu werden, wie es Journalisten gibt. Alle hier aufzuzeigen, ist unmöglich. Daher kann jetzt nur die Frage sein: Was können Sie tun, um ihrem Berufswunsch ein Stück näher zu kommen? </p>
<p>Was fällt Ihnen nun ein, wenn Sie an Journalisten denken? Oft sind es aufdringliche Menschen in schlechten Krimis, hinterlistige Gestalten in üblen Filmen. Aber warum sind Sie dann hier? Es gibt noch andere Bilder von Journalisten: Sie haben freien Eintritt zu Konzerten, sind den Stars ganz nahe, gucken aus dem Fernseher wie Ulrich Wickert oder sind in &#8211; einigen wenigen Filmen &#8211; auch die Helden.</p>
<p>Journalist: ein Traumberuf für viele. Man kann auch Modeberuf sagen.<br>
Denn die Zahl der Bewerber auf freie Stellen bei Tageszeitungen, in Funkhäusern, bei Fernsehsendern ist astronomisch. Was ist also dran am Journalisten?</p>
<p>Sie können gleich morgen anfangen: Auf ihre Visitenkarte Journalist schreiben, oder wenn sie nach ihrem Beruf gefragt werden, antworten, Sie seien Journalist. Anders als beim Bäcker oder Lehrer &#8211; der Beruf Journalist ist nicht geschützt. Ob Sie die Bezeichnung allerdings weiterbringt, wage ich zu bezweifeln. So einfach ist es dann doch nicht.</p>
<p>Dabei gibt nicht einmal eine spezielle Ausbildung, die für diesen Beruf notwendig ist. In der TLZ-Lokalredaktion arbeitet ein gelernter Elektriker, eine Lehrerin für Deutsch und Kunst, ein gelernter Schriftsetzer, eine Germanistin &#8211; ich selbst habe eine Ausbildung zum Industriekaufmann begonnen &#8211; und abgebrochen. </p>
<p>Allen gemein sind ein bis zwei Voraussetzungen: Neugier, Kontaktfreudigkeit, ein gutes Stück Sprachgewandheit, das Bestreben und Können, schwierige Sachverhalte einfach zu erklären, die aktuellen Geschehnisse kennen zu wollen, ständig dazu lernen zu wollen und zu wissen, wo man findet, was man nicht weiß und und und&#8230;</p>
<p>Fangen wir mit der Neugier an. Es gibt eine Reihe von Journalistenschulen, die als Aufnahmeprüfung kniffelige Fragen stellen. Würden Sie im Flugzeug plötzlich neben Kanzler Schröder sitzen: Welche Frage würden Sie ihm stellen? Und?</p>
<p>Man muß sich erst einmal trauen, den Herrn Schröder anzusprechen. Da hilft es, wenn dazu ein gesundes Vorwissen vorhanden ist. Damit die Frage nicht als dumm aufgefaßt wird, damit man auch eine handfeste Antwort bekommt und nicht an der Nase herumgeführt wird. Das kann leichter passieren, als man denkt. Und hat dann die vielleicht einmalige Chance nicht genutzt.</p>
<p>Helfen kann da eine gute Ausbildung. Die wird in der Mehrzahl der Fälle bei Tageszeitungen erfolgen &#8211; sie ist für die meisten Journalisten in Fernsehen und Radio die Grundlage ihrer Arbeit. </p>
<p>Zwei Jahre dauert die Ausbildung, sprich das Volontariat. Meist verbirgt sich dahinter das, was heute neudeutsch &#8220;Learning by doing&#8221; genannt wird. Zwei Jahre wird in einer Redaktion mit anderen Redakteuren gearbeitet, wird in der Praxis geprobt, geübt und einstudiert. </p>
<p>1400 Volontariatsplätze gibt es wohl in Deutschland. Die Voraussetzungen sind nicht einheitlich festgezurrt: Es gibt Journalisten mit Abitur und ohne, mit begonnenem oder abgeschlossenem Studium, welcher Fachrichtung auch immer, manche gar mit Journalistikstudium, manche mit Dr. oder Professoren-Titel&#8230; Wie gesagt: Es gibt nichts Einheitliches, es gibt nur Personalchefs oder Chefredakteure mit unterschiedlichen Ansichten.</p>
<p>Abitur mit Studium oder eine abgeschlossene Berufsausbildung gelten<br>
jedoch weitläufig als Minimalvoraussetzung.<br>
Dabei ist nicht einmal entscheidend, ob es sich um ein Studium Journalistik, Kommunikationswissenschaften, Medienwissenschaften handelt. Gern gesehen, von einigen Chefredakteuren wohl lieber gesehen wird ein gesellschaftswissenschaftliches Studium: Geschichte, Politik, Politikwissenschaften, BWL etc.</p>
<p>Extrem wichtig ist, schon früh Kontakt zur Praxis zu bekommen: Durch Mitwirken bei einer Schülerzeitung, besser jedoch: als freier Mitarbeiter bei einer Tageszeitung. Und die werden eigentlich immer gesucht &#8211; wenn sie gut sind. Großes Geld läßt sich damit nicht verdienen &#8211; aber warum nicht zu einer Veranstaltung gehen, zu der man ohnehin will, und nachher seine Eindrücke zusammenfassen und ein Foto abliefern. Sollte hier jemand Interesse daran haben: Terminvereinbarungen können wir im Anschluß treffen.</p>
<p>Ich selbst habe den Einstieg über die freie Mitarbeit gefunden: als Schlagzeuger in einer Band hat mich immer geärgert, was die Zeitung über unsere Konzerte geschrieben hat. Fotografiert habe ich schon immer gern &#8211; so habe ich mich in der Lokalredaktion angeboten, künftig über Veranstaltungen im Begegnungszentrum zu berichten &#8211; es sollten zahllose Wochenenden bei Modenschauen, Fußballspielen, Rassekaninchenzüchtern, Partei-Ortsverbänden etc werden&#8230; </p>
<p>Wer also nicht selbst Riesenrammler züchtet, wer nicht Briefmarken sammelt, wer nicht selbst Musik macht &#8211; und sich dennoch für all diese Dinge interessiert &#8211; der kann in diesem Beruf glücklich werden. Schließlich sitzt Schröder nicht in jedem Flieger auf dem Nachbarsitz.</p>
<p>Neben dem Volontariat gibt es die Journalistenschulen: In München, in Dortmund, in Hamburg. Hier gelten die genannten Aufnahmeprüfungen.<br>
Außerdem die Hochschulausbildung zum Journalisten &#8211; die Diplomträger von den Universitäten werden jedoch mit gewissen Vorbehalten in der Praxis beäugt. Zwar haben auch Hochschulstudien einen Praxisteil, doch wer weiß, wie eine Meldung wirkt, muß noch nicht wissen, wie sie geschrieben wird. Doch das mag ein Vorurteil sein.</p>
<p>Ist die eigentliche Ausbildung abgeschlossen, hat das Dazulernen noch kein Ende: Tagtäglich &#8211; und das macht für mich den Beruf so interessant, wie keinen anderen &#8211; hat man mit neuen Dingen, mit anderen Menschen, mit aktuellen Ereignissen zu tun. </p>
<p>Es ist definitiv kein Beruf, der früh um 6 beginnt und um 15.30 Uhr endet: Ein Journalist ist man den ganzen Tag und sein ganzes Leben. Wenn es in der Stadt brennt, gibt es wohl keinen Journalisten, der sagen würde: Ich habe jetzt Feierabend. Wenn im Fernsehen ein interessanter Bericht läuft, dann denkt sich wohl ein jeder: Da könnte auch eine Geschichte in meiner Stadt daraus werden. </p>
<p>Vielleicht ist dies ein Grund, warum Journalisten recht gut bezahlt werden. Im ersten Volontariatsjahr liegt der Sold bei etwa 2400 Mark, im zeiten bei knapp 3000. Verlockend? Wie gesagt: Es gibt keine geregelten Arbeitszeiten: Wenn die anderen nach dem Konzert nach Hause gehen, fängt die Arbeit erst an. </p>
<p>Auch der Beruf selbst unterliegt einem stetigen Wandel: Gab es früher noch streng getrennte Berufsbilder &#8211; Fotografen, Layouter, Redakteure &#8211; so sind Journalisten heute für alles da. Wir gestalten die Zeitung selbst, wir fotografieren und nebenbei schreiben wir auch noch. Künftig wird Multimedia einen größeren Einfluß haben, das Internet vielleicht. </p>
<p>Eines jedoch wird wohl auch künftig bestand haben: Daß die Menschen das am meisten interessiert, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert &#8211; und was im Lokalteil Ihrer Zeitung steht. </p>
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		<title>Rendezvous über den Wolken</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:49:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Schnaufend windet sich der Zug durch das Grün, vorbei an Reisfeldern, Zimt- und Bananenplantagen, dann durch Tropenwald und schließlich tiefgrüne Teefelder, die die Hügel bis zum Horizont bedecken. Farbtupfer darin: Die Teepflückerinnen, die kurz aufschauen von ihrer Akkord-Arbeit, und bunte Regenschirme, auf die der warme Monsunregen prasselt. Wir sind in Sri Lanka, bis 1948 Ceylon [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Schnaufend windet sich der Zug durch das Grün, vorbei an Reisfeldern, Zimt- und Bananenplantagen, dann durch Tropenwald und schließlich tiefgrüne Teefelder, die die Hügel bis zum Horizont bedecken. Farbtupfer darin: Die Teepflückerinnen, die kurz aufschauen von ihrer Akkord-Arbeit, und bunte Regenschirme, auf die der warme Monsunregen prasselt. Wir sind in Sri Lanka, bis 1948 Ceylon genannt, und noch immer die Perle im Indischen Ozean.<br>
Der singhalesische Gruß „Ayubowan“ wird wie das Winken derer, die an den offenen Wagontüren stehen und sich an der langsam vorbeiziehenden Landschaft berauschen, mit einem freundlichen Lächeln erwiedert. </p>
<p>Wie im Takt der Thammattam-Trommeln, die so heißen, wie sie klingen, geht es gemächlich ratternd in die Berge. Gestern hörten wir sie noch im Zahntempel von Kandy, wo Gläubigen und eintrittzahlenden Touristen ein kurzer Blick in den Schrein und auf den linken oberen Eckzahn Buddhas gewährt wird.<br>
Nuwara Eliya heißt der Kurort und das Ziel unserer Bahnfahrt: die Stadt über den Wolken. Hier haben die Briten neben dieser Tradition und herrschaftlichen Hotels im Kolonialstil wohl auch ausladende Schnurbärte im Gesicht der Kellner zurückgelassen, die dem British Empire noch heute würdig sind.<br>
Wir haben ein Ticket für den Panoramawagen, der gepolsterte Bequemlichkeit und verglaste Aussicht verspricht. Doch das Leben spielt sich in der zweiten, der dritten Klasse ab mit ihren Holzbänken, den vorbeihastenden Händlern, die Limonade oder Arrack-Schnaps verkaufen oder Teigtaschen mit gefährlich scharfer Füllung.<br>
Viereinhalb Stunden für die knapp 100 Kilometer lange Strecke und die 1900 Meter Höhenunterschied braucht der museumsreife Zug. Doch eilig hat er es auch heute nicht, den Fahrplan einzuhalten: Bereits auf halber Strecke ist er 90 Minuten verspätet. Niemand stört sich daran. Im Gegenteil. Es bleibt mehr Zeit für Begegnungen – für Reiseerlebnisse und Geschichten.<br>
Von Francoise aus Frankreich und Jose aus Spanien beispielsweise. Die beiden Asienreisenden haben sich an der Ostküste Sri Lankas getroffen. Dort, wo Flüchtlingscamps und Checkpoints an holprigen Straßen an den 20 Jahre währenden Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Singhalesen erinnern, der jetzt drei Jahre zurückliegt. Und wo das einzige Hotel zu finden ist, das auch während der blutigen Auseinandersetzungen in dieser Region stets geöffnet war – stand das Personal unter Waffen, bekochten sich die Gäste eben selbst, heißt es.<br>
Für Prem Kumar, Direktor des Nilaveli Beach-Hotels, macht es keinen Unterschied, ob jemand Hindu, Moslem, Buddhist oder Christ ist – warum sein Hotel keinen Treffer abbekam und nicht geplündert wurde, bleibt jedoch sein Geheimnis. Noch ist es das einzige am breiten, weißen Sandstrand – fernab von Massentourismus und Souvenirhändlern. Der gewiefte Hotelchef ist Francoise in Erinnerung geblieben und ebenso Kamal Deen, ein 41-jähriger Singhalese. Der spricht Tamilisch, ist Moslem und hofft nach fünf Jahren im Flüchtlingscamp auf mehr Touristen, die ihn und seine Familie ernähren. Denn Kamal ist Unternehmer, Fremdenführer und Kapitän in einer Person. Der Vater von acht Kindern hat ihn überlebt, den Konflikt zwischen Singhalesen, meist Buddhisten, und Tamilen, meist Hindus, in dem nun die Waffen ruhen. Er schipperte Francoise und Jose in seinem Boot zu vorgelagerten Inseln und einsamen Buchten und ließ sie sich fühlen wie Robinson und Freitag auf Zeit. Jetzt sind die beiden Sri-Lanka-Fans unterwegs gen Süden, in eines der Surf-Paradise.<br>
Thomas aus München ist allein unterwegs und hat das gleiche Ziel. Nach seiner Pauschal-Rundreise will er sich am Strand entspannen, noch weiter auf die Malediven fliegen. Eine Kombination, die ihm sein Reiseveranstalter vorgeschlagen hat. Das Elefantenwaisenhaus in Pinnawela hat er fotografiert und den Weg der Dickhäuter zum Bad im Fluss. Und die Gaukler, die für ein paar Rupien Schwerter schlucken in den Straßen von Colombo. Den Hindutempel Swami Rock hat er gesehen und die Buddha-Figuren im Felsentempel von Dambulla.<br>
Er war auch bei den „Wolkenmädchen“ der Felsenfestung Sigiriya – die barbusigen Schönheiten betörten vor rund 1500 Jahren den Festungsherrn, der als überängstlich in die Geschichte einging. Heute betören sie mit ihrer Schönheit die Touristen, die in den frühen Morgenstunden den schwindelerregenden Aufstieg über etwa 1000 endlose Stufen und Wendeltreppen hinauf auf das Felsplateau wagen und vom Ausblick nicht enttäuscht werden.<br>
Bertie Fernando hört, dass wir Deutsch sprechen. Er ist über 70 und reicht uns etwas von seiner Fisch-mit-Reis-Portion – „very hot“, sehr scharf warnt er. Überraschender sind die Brocken Deutsch, die er aus dem Gedächtnis hervorkramt. „Drei Jahre lang Deutschland“, sagt er grinsend und zeigt seinen zahnlosen Mund. Diplom-Ingenieur habe er gelernt – das war 1970. Die Rückkehr sei abenteuerlich gewesen: 17 Tage dauerte sie in seinem roten Peugeot 404…<br>
In Nanuoya müssen wir aussteigen. Ab hier ruckelt der Zug ohne uns weiter. Bertie steht am Fenster und winkt zum Abschied: „Auf Wiedersehen!“<br>
Vorbei an einem britischen Pub, einer Pferderennbahn und Martkständen geht es per Bus zum Hotel St. Andrews. Es ist frisch hier im Hochland: Männer auf den Straßen tragen zu ihren Sarongs Helli-Hansen-Anoraks und Fleece-Pullover, die es auch an den Ständen zu kaufen gibt: Nach Tee ist Kleidung der zweitwichtigste Exportartikel Sri Lankas.<br>
Im Kaminzimmer wartet schon der „Five-o’clock-Tea“ auf uns: Irgendwie war der Zug also doch pünktlich für unsere Verabredung &#8211; in der Stadt über den Wolken…</p>
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		<title>Gutenberg-Gedenken: Blumen am Bauzaun</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:47:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Halten die Straßenbahnen länger als gewohnt? Die Laufschrift der EVAG zwar verweist auf das Gutenberg-Gedenken, aber Menschen hetzen über den Platz, telefonieren, haben Termine. Manch einer steht auf dem Anger, den Kopf gesenkt &#8211; ob sie auf ihre Bahn warten oder in diesen Minuten der Tat vom 26. April 2004 erinnern? Kameraleute und Fotografen sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Halten die Straßenbahnen länger als gewohnt? Die Laufschrift der EVAG zwar verweist auf das Gutenberg-Gedenken, aber Menschen hetzen über den Platz, telefonieren, haben Termine. Manch einer steht auf dem Anger, den Kopf gesenkt &#8211; ob sie auf ihre Bahn warten oder in diesen Minuten der Tat vom 26. April 2004 erinnern? Kameraleute und Fotografen sind auf der Suche nach diesem Moment.</p>
<p>Die Glocken der Erfurter Kirchen läuten. Ihr Klang begleitet zum Fischmarkt vor das Rathaus. Auch auf diesem Platz: Zeichen des Gedenkens oder eines Innehaltens im gewohnten Trubel sind nicht zu finden. Baulärm aus der Marktstraße mischt sich ins Glockenläuten, auf dem Domplatz schließlich werden Bühnen und Zelte abgebaut &#8211; Reste vom Autofrühling. Sitzen mehr Menschen auf den Domstufen als sonst? &#8220;Wenigstens das weiße Kreuz hätten sie wieder auf die Stufen stellen können&#8221;, sagt eine Frau.</p>
<p>In diesen Minuten sind die Türen der Andreaskirche geschlossen. Drinnen sind Menschen bei der Andacht, Pfarrerin Ruth Elisabeth Schlemmer verliest Lebenswünsche. Draußen wirft jemand laut krachend Flaschen in die Altglascontainer.</p>
<p>Auf dem Weg zum Gutenberg-Gymnasium tragen Menschen Blumen. Doch die Schultreppen, nach der Tat des Robert Steinhäuser und zum Gedenken im vergangenen Jahr, ein Ort der Trauer und um Blumen abzulegen, existieren nicht mehr. Weggebaggert. Der Eingang ist mit einer Plane verhängt. Ein tiefer Graben zieht sich um das Schulhaus, wie zur Verteidigung des Gebäudes staken Metallstäbe aus dem Erdreich, über die sich bald Beton ergießen wird. Blumen werden am Bauzaun abgelegt oder in die Maschen gesteckt, an denen auch das Schild hängt &#8220;Baustelle betreten verboten &#8211; Eltern haften für ihre Kinder&#8221;.</p>
<p>Hinein dürfen Schüler und Angehörige. Einige der Kinder und Jugendlichen, die hier wieder zur Schule gehen wollen, sitzen auf den Mauern der benachbarten Vorgärten. Schweigend. Sie warten auf jene, die den schweren Gang durch das Schulgebäude noch nicht beendet haben: Botschaften und Blumen werden dort abgelegt, wo vor zwei Jahren 17 Menschen starben.</p>
<p>Alina Wilms, die den Stab der betreuenden Psychologen leitet, ist auch auf dem Weg ins Gebäude: Wer Hilfe sucht, findet sie mit ihren Kollegen in einem Klassenraum. &#8220;Viele kommen ohne unsere Hilfe aus&#8221;, sagt sie. Nach zwei Jahren könnte jeder einschätzen, was er sich zumuten will, wo seine Grenze ist. In den wenigen Minuten im Schulgebäude gelinge ihnen die Konfrontation mit der Erinnerung am Ort der Tat. Was wird, wenn hier wieder normaler Schulaltag herrscht, das müsse sich zeigen.</p>
<p>Vor der Bäckerei wird Kaffee getrunken. Eine Frau im weißen Kittel stellt Stühle raus, als es mehr Schüler werden: &#8220;Für alle hab ich keinen. Da müssen die Jungs die Mädels auf den Schoß nehmen&#8221;. Es wird gelacht. René ist einer von ihnen. Vor zwei Jahren war er noch an einer anderen Schule, jetzt hat er gerade die Vorprüfungen hinter sich gebracht &#8211; im Ausweich-Schulhaus in der Scharnhorststraße. Ein freiwilliger Wechsel, ausgerechnet an diese Schule, die sich seit zwei Jahren im Ausnahmezustand befindet? Er mag den Zusammenhalt unter den Gutenberglern, sagt er. Weg von der Schule hätten nur wenige gewollt. Und: Jetzt laufe alles gut &#8211; was sein Abi betrifft.</p>
<p>Inzwischen stehen die Türen der Andreaskirche weit offen. 16 Kerzen brennen in Holzhaltern &#8211; eine für Robert Steinhäuser fehlt. &#8220;Aber auch an ihn und seine Familie denken viele&#8221;, sagt Pfarrerin Schlemmer. Orgelmusik kommt von der CD, vor dem Altar laufen die Vorbereitungen für das Gospelkonzert am Abend. &#8220;Heute vormittag waren viele Menschen hier&#8221;, sagt Pfarrerin Schlemmer. Nun ist die Kirche leer. &#8220;Es ist, als würde ich eine Totenwache halten&#8221;, sagt sie. Und fragt sich, ob es nicht ein Mittelding hätte geben können: Zwischen der großen Trauerfeier im Vorjahr, die nicht die Feier der Gutenberg-Schüler war. Und der Normalität und dem scheinbaren Nichts, das viele Menschen an diesem Tag allein lasse mit ihren Gefühlen. Draußen vor der Kirche quietscht die Straßenbahn. Sie fährt längst wieder nach Fahrplan &#8211; falls sie überhaupt an diesem Tag aus dem Takt geraten war.<br>
26.04.2004 Von Frank Karmeyer </p>
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		<title>Erfurter Hof: Jetzt nicht nachlassen</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:46:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
				<category><![CDATA[tlz]]></category>

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		<description><![CDATA[Den Kopf voller Erinnerungen an bessere Zeiten des Erfurter Hofes und mit Wut im Bauch auf die Landesregierung, die dem Traditionshotel die Fördermittel versagt hat, kamen gestern rund 300 Menschen zur Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz. Sie müssten Druck machen auf die Landesregierung, mit ihren Unterschriften für das allen gemeinsame Ziel einzutreten, nicht nachlassen damit, ihren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Den Kopf voller Erinnerungen an bessere Zeiten des Erfurter Hofes und mit Wut im Bauch auf die Landesregierung, die dem Traditionshotel die Fördermittel versagt hat, kamen gestern rund 300 Menschen zur Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz. Sie müssten Druck machen auf die Landesregierung, mit ihren Unterschriften für das allen gemeinsame Ziel einzutreten, nicht nachlassen damit, ihren Willen zu bekunden &#8211; dazu forderte Oberbürgermeister Manfred Ruge die Demo-Teilnehmer auf: &#8220;Wir stehen für den Erfurter Hof und wir wollen ihn!&#8221;<br>
Ruge nimmt die Landesregierung in die Pflicht: Bis zum Jahresende, so habe Ministerpräsident Dieter Althaus ihm am Telefon zugesagt, solle ein Konzept vorliegen.<br>
Ruge selbst hatte im Erfurter Hof seine erste Flasche Wein getrunken, beim Tanz-Abschlussball seine Frau Barbara kennen gelernt und gemeinsam mit ihr &#8220;die besten Stunden unseres Lebens erlebt&#8221;. Auf der Bass-Gitarre hatte er Titel der 60er Jahre gespielt im ersten Haus am Platze. Und auch Dietrich Hagemann &#8211; damals gab er am Schlagzeug den Takt an, heute ist er Bürgermeister &#8211; knüpft an den Erfurter Hof neben Faschings- und Silvester-Feiern sowie Einkäufen im Intershop musikalische Erinnerungen.<br>
Das gilt auch für die &#8220;Erfurter Hof-Revival-Band&#8221;, sechs gestandene Musiker die einst im Hotel spielten, die auf dem Bahnhofsvorplatz mit &#8220;Ich bin wieder hier, in meinem Revier&#8221; einen trefflichen Titel von Marius Müller-Westernhagen anstimmten.<br>
Heirat, Jugendweihe, Konfirmation: Kaum ein Erfurter, der nicht Erinnerungen mit dem Erfurter Hof verknüpfe, weiß auch Dr. Urs Warweg (SPD). Er nahm die CDU auf Landes- und Stadtebene in die Pflicht, verantwortlich für den Erfurter Hof zu handeln. Kritik an die Eigentümerin, die Interhotel-Gruppe, richtete Jörg Schwäblein (CDU): Noch vor zwei Jahren habe sie das Angebot zur Unterbringung der Spielbank abgelehnt, einen Verkauf des Hauses an die LEG durch utopische Preisvorstellungen zunichte gemacht. Es sei wichtig, dass Regierung und Investoren weiter zu spüren bekämen, was der Erfurter Hof bedeute: &#8220;Er atmet Geschichte, es ist aber auch wichtig, dass er Zukunft ausstrahlt.&#8221;<br>
&#8220;Eigentum verpflichtet&#8221;, mahnte Thomas Rathsfeld (PDS) die Interhotel-Gruppe. Für den Erfurter Hof müsse andernfalls die Rückabwicklung des Kaufvertrages auf den Weg gebracht werden.<br>
Der Erfurter Hof braucht Schutz: Hier sei 1970 das Tor zum Osten aufgemacht worden, heute vergammele ein Stück europäische Geschichte mit dem Traditionshotel, sagte Ulla Kalbfleisch-Kottsieper vom Willy-Brandt-Verein. Sie engagiert sich vehement für die TLZ-Aktion und sammelt unermüdlich Unterschriften.<br>
Auch die von Günther Hergt (75): Am 19. März 1970, als Willy Brandt im Erfurter Hof auf Willi Stoph traf, machte er Fotos von dem historischen Ereignis. Waren die Betriebe gehalten, niemandem frei zu geben, hatte er es dank eines Zahnarzttermins geschafft, die bewegenden Momente auf dem Bahnhofsvorplatz festzuhalten. Mit dicker Backe wegen zweier gezogener Zähne, wie er sich erinnert, nahm er mit seiner Exa 2b auf, wie Willy Brandt aus dem Fenster winkte. 20 Jahre später ließ er sich das Foto vom einstigen Bundeskanzler signieren.<br>
Unterschriften auf TLZ-Coupons wurden während der Demo auf dem Bahnhofsvorplatz auch an der Reglerkirche gesammelt: Die PDS hatte vor der Deutschen Bank ihren Stand aufgebaut, deren Tochter die Interhotel-Gruppe ist. Diese sei lange Zeit untätig gewesen, müsse nun endlich bereit sein, mit Stadt und Land über Nutzungsvarianten zu sprechen, fordert Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz. Für ihn ist die Lösungssuche für das Hotel &#8220;zuvorderst eine städtische Aufgabe&#8221;. Titel/Landesspiegel<br>
11.07.2003 Von Frank Karmeyer </p>
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		<title>Interview mit Christiane Alt</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:45:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Für Christiane Alt ist seit dem 26. April 2002 nichts mehr wie es war. Seither bestimmt für sie dieser Tag mit all seinen Folgen ihr Leben, ihre Arbeit. Frank Karmeyer sprach mit der Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums &#8211; zwischen einem Termin im Kultusministerium und dem nächsten Fernseh-Interview&#8230; Wie geht es Ihnen, ein Jahr nach den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Für Christiane Alt ist seit dem 26. April 2002 nichts mehr wie es war. Seither bestimmt für sie dieser Tag mit all seinen Folgen ihr Leben, ihre Arbeit. Frank Karmeyer sprach mit der Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums &#8211; zwischen einem Termin im Kultusministerium und dem nächsten Fernseh-Interview&#8230; Wie geht es Ihnen, ein Jahr nach den Ereignissen an Ihrer Schule, kurz vor dem Gedenktag?<br>
Wir haben jetzt viel zu tun. Da sind die Vorbereitungen für den Gedenktag. Gleichzeitig sind wir mitten in den Vorbereitungen auf die Abiturprüfungen und natürlich auch schon auf das nächste Schuljahr. Dazu kommt, dass das öffentliche Interesse von Woche zu Woche spürbar ansteigt. Ich habe aufgehört zu zählen, aber hunderte von Medienanfragen sind jetzt deutlich zu merken. Da bleibt unterm Strich wenig Zeit. </p>
<p>Woher nehmen sie die Kraft? Was ist Ihre Quelle?<br>
Jeder hat und braucht die Möglichkeit, seine Batterie aufzuladen. Ich habe das auch.<br>
Meinen Beruf auszuüben und das weiter zu machen, was ich jetzt mache, das basiert darauf, dass wir dieses Gutenberg-Gymnasium 1991 gemeinsam mit den Kollegen aus dem Nichts geschaffen haben. Es gab ja dieses völlig vernachlässigte Schulhaus. Vor elf Jahren haben wir mit 43 Lehrern begonnen, das daraus zu machen, was es geworden ist: ein anerkanntes Gymnasium. Zu den Opfern zählten viele Kollegen, die von der ersten Stunde an mit dabei waren. Ich habe viele Erlebnisse mit diesen Kollegen, Pioniergeist konnte man das 1991 nennen. Wir haben Stück für Stück geschafft, wir haben Schulreformen umgesetzt, wir haben dem Haus ein paar Dinge abgerungen. Wir haben alle eine Arbeit geleistet, die man nicht mit neun Minuten paarundfünfzig Sekunden zunichte machen lassen darf. Das ist für mich der Auftrag, den ich für mich selbst abgeleitet habe. Ich habe mich oft gefragt, was hätten die Kollegen gemacht, wenn es umgekehrt gewesen wäre, wenn Sie nun statt meiner vor der Frage gestanden hätten. Bei vielen kenne ich die Antwort, weil ich die Menschen sehr gut kannte. Das ist der Ansatzpunkt, warum ich das mache. </p>
<p>Wie gehen sie damit um, dass Robert Steinhäuser am 26. April 2002 ganz gezielt nach Ihnen gefragt und gesucht hat?<br>
Der Umstand trägt sich schwer. Aber es hat eine gewisse Logik, schließlich ist der Schulleiter die Instanz, die Entscheidungen fällen und verkünden muss. Der Postbote bekommt immer die Prügel für die schlechte Nachricht, die er überbringt. Auch bei den Medien ist das nicht anders. Jeder der Verantwortung hat, auch in anderen Berufsgruppen, muss mit Anfeindungen leben. Das es sich um einen Angriff mit Waffengewalt auf das Leben handelt, das ist in unserer Berufsgruppe neu.</p>
<p>Gab es im vergangenen Jahr auch Momente, in denen Sie gedacht haben, ich kann nicht mehr, ich wechsele die Schule und muss weg von dem Ganzen?<br>
Meinen Beruf übe ich seit 25 Jahren aus. Und ich habe mit den Schülern ein gutes Verhältnis, auch wenn ich mehr der Verwaltungsmensch in meiner Schule bin. Aber wenn ich heute die Schüler sehe, sie erlebe, dann wüsste ich nicht, warum ich meinen Beruf nicht mehr ausüben sollte. Nur weil ein Schüler Lehrer getötet hat? Ich werde immer gern gefragt, ob ich Angst habe vor den Schülern. Wenn man Angst hätte, dann könnte man den Beruf nicht ausüben. Ich vermute nicht hinter jedem Schüler einen Gewalttäter und bin genauso offen den Schülern gegenüber, wie ich’s immer war. Diese Frage hat sich für mich also überhaupt nicht gestellt. </p>
<p>Sie sind nahezu täglich im Gutenberg-Gymnasium, am Ort der schrecklichen Ereignisse.<br>
Ist dies ein Teil ihrer Aufarbeitung?<br>
Ja, das kann man so sehen. Ich habe das Haus in allen Phasen erlebt. Das grauenvolle Geschehen am 26. April und das Haus zwei Tage später als unmittelbaren Tatort. Dann in der Phase, als es Ermittlungsort für die Polizei war, dann in der Phase des Ausräumens. Und jetzt, wo es sich innen als Baustelle eröffnet ohne Mobiliar, ohne Kinderstimmen, ohne Menschen – vielleicht sind Bauarbeiter dort oder auch niemand – ich denke, das gehört für mich dazu, das Haus in all diesen Phasen bewusst zu erleben. Und es gab Phasen, wo es viel schwerer aushaltbar war, als in dem jetzigen Zustand. Wir beschäftigen uns gerade mit dem Umbau und binden dabei Schüler und Lehrer mit ein, die sich auf diese Weise ebenso Meter um Meter das Haus erschließen können. Ich hätte es sicherlich nicht ausgehalten, dort nicht wieder hinzugehen. </p>
<p>Sind sie trotzdem im vergangenen Jahr zum Nachdenken gekommen?<br>
Natürlich. Bei aller Geschäftigkeit, mitunter in Hektik und scheinbar ohne Pause, gibt es immer Möglichkeiten zum Nachdenken. Der 26. April 02 hat uns keinen Tag so richtig losgelassen, weil wir permanent mit den Folgen leben und arbeiten müssen. Ohne eine Auseinandersetzung mit dem Geschehen könnte man das nicht ertragen. Was es bedeutet, sich dem zu stellen, was ein solches Geschehen nach sich zieht, das kann sich kein Mensch vorstellen. Es ist nicht nur die grauenvolle Tatsache, den Verlust der Menschen ertragen zu müssen und lernen zu müssen, ohne sie zu sein. Es sind auch die vielen Dinge am Rande, die sich meist auf die Menschen fokussieren, die überlebt haben: Die Schüler, die Lehrer, die Angehörigen. </p>
<p>Durch die Medien gibt es zwei Gesichter, die man mit den Ereignissen am Gymnasium verbindet. Das eine ist das von Herrn Heise, das andere ist Ihres&#8230;<br>
Ich nehme das so an. Ich kann nicht für Herrn Heise sprechen, sondern nur für mich. Wenn man Lehrer ist, in einer Stadt, und ich bin das jetzt seit 25 Jahren, dann ist man sowieso ein öffentlicher Mensch. Wenn man zwölf Jahre Schulleiterin ist, noch mehr. Aber dies hat jetzt natürlich ein Ausmaß angenommen, das man lernen muss. Egal wo man hinkommt, wird man zunächst mit dem Geschehen an der Schule in Verbindung gebracht. Und man wird immer wieder und überall angesprochen. Viele tun dies in sehr wohlwollender Absicht. Sie erzählen mir oft, wie sie die Tat erlebt haben und die Geschehnisse verfolgen. Es gibt aber auch diejenigen, bei denen man diese entsetzliche Neugier spürt. Wo derjenige meint, vielleicht weiß sie doch etwas mehr, was noch in keiner Zeitung gestanden hat&#8230; Das kann mitunter sehr anstrengend und verletzend sein. Diese Momente blanker Sensationsgier sind sehr unangenehm. </p>
<p>Der Eindruck ist, dass sie sich nach außen sehr abgeschottet haben, die Dinge sehr sachlich und abgeklärt betrachten, nicht in ihr Inneres blicken lassen&#8230;<br>
Das ist richtig. Wäre ich Lehrerin am Gutenberg-Gymnasium, hätte ich wahrscheinlich niemals einem Journalisten irgendeine seiner Fragen beantwortet. Ich tue das, weil Öffentlichkeitsarbeit ein Teil meiner Aufgabe ist. Der Schulleiter repräsentiert seine Schule nach außen – sowohl in guten Zeiten, als auch solchen, in denen Ausnahmezustand herrscht. Also versuche ich die Informationen, die die Menschen brauchen, um das Geschehene einordnen zu können und auch die Infos, wie die Situation ist nach einem Jahr, zu transportieren. Mehr nicht. Was ich nicht zu transportieren bereit bin, ist mein Privatleben, auch wenn dies untrennbar damit zusammenhängt. Trauerarbeit ist privat, sehr privat. </p>
<p>Gibt es auch psychologische Hilfe für Sie?<br>
Das gehört in den Bereich dieser privaten Angelegenheiten. Da wird viel spekuliert. Aber ich rede darüber nicht, weil das wirklich eine Sache ist, die jeder mit sich selbst abtun muss. Und ich glaube nicht, dass das für die Leute von so großem Interesse ist, wie ich persönlich damit umgehe. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, nicht darüber zu reden. </p>
<p>Sind Sie eine andere Direktorin geworden im zurückliegenden Jahr?<br>
Ich bin ein anderer Mensch geworden. Solche Erlebnisse und die Folgen, die täglich zu spüren sind, bringen zwangsläufig eine Veränderung. Also bin ich auch eine andere Schulleiterin geworden. Nichts ist mehr wie es war nach dem 26. – für niemanden von uns.<br>
Ich musste lernen, noch mehr Geduld aufzubringen. Das ist notwendig, wenn man mit Menschen arbeitet, die psychisch belastet sind. Wir haben es uns nicht leisten können, Fehlentscheidungen zu treffen, die anderen nicht gut tun. Geduld zu haben, dass ist das Wichtigste. Noch mehr, als ein Lehrer ohnehin aufzubringen hat. </p>
<p>Haben Sie eigentlich personelle Hilfe bekommen? Neben den Aufgaben als Direktorin haben Sie schließlich Etliches mehr an Belastungen: der Umbau der Schule, Medienanfragen&#8230;<br>
Anfragen von Medien werden von einem Gremium im Kultusministerium mit abgefangen. Nebenbei läuft das Baugeschehen an der Schule, hier sind Bauverwaltung, Hochbauamt und mehrere Arbeitsgruppen zuständig. Mir bleibt dennoch nicht erspart, auch in diesen Arbeitsgremien mitzuarbeiten, um die Schule zu vertreten. Seit dem 6. Januar habe ich eine Stellvertreterin, die das Tagesgeschäft an der Schule unter erschwerten Bedingungen versteht. Unser Alltagsgeschäft ist nicht mehr das einer Schulleitung, weiß Gott nicht. Es ist immer noch Krisenbewältigung, es ist das Baugeschehen, das Aufpolieren der Interimsschule, in der wir immer noch nach besseren Lösungen suchen, und es ist natürlich auch das Arbeiten mit dem vielen Personal. Aber mit einer Schulleitung, wie ich sie elf Jahre an einem Gymnasium hatte, hat das seit einem Jahr nichts mehr zu tun. </p>
<p>Sie und die Schüler wollen unbedingt in das alte Schulgebäude zurück&#8230;<br>
Dass sich der Bau nun um ein Jahr verzögert, lässt den Wunsch nur noch deutlicher werden. Wie das dann im Jahr 2004 sein wird, das kann niemand beantworten. </p>
<p>Was jetzt mit dem Gebäude passiert – hat dies die Zustimmung der Schüler gefunden?<br>
Es gibt unterschiedliche Auffassungen zu Details. Nicht jeder wird jede Entscheidung zu 100 Prozent mittragen, das ist nicht möglich. Doch die Schüler und Lehrer können über ihren Arbeitsort reden. Alles muss sich unter einen Hut bringen lassen mit Fragen der Sicherheit und Ausstattung. An solchen sensiblen Punkten &#8211; wie gehen wir mit dem Gedenken in dem Haus um, wie wünscht man sich den Ort, an dem man sich treffen kann &#8211; da werden wir besonders gut zuhören, welche Wünsche Schüler und Lehrer einbringen, damit die Architekten dies umsetzen können.<br>
Was ist der Gedenktag für Sie? Was verbinden Sie damit?<br>
Zunächst unheimlich viel Hektik. Weil der Tag voll organisiert sein wird, mit vielen Aktionen und Aktivitäten. Um 9 Uhr morgens werden wir mit der Schulgemeinschaft die Gedenkandacht haben, wo wir untereinander sein können, auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das wird die Stunde sein, in der die Schüler, Lehrer und die Angehörigen so zusammen sind, wie sich die Schule das wünscht. Danach werden wir zum Schulgebäude gehen und dort so stehen wie am 26. und an den Tagen danach. Wir werden Blumen niederlegen und es wird eine offizielle Kranzniederlegung geben. Dann werden sich die meisten zum Domplatz bewegen, um dort die zentrale Gedenkfeier mitzuerleben und auch mitzugestalten. Schüler, Lehrer und andere werden dort ihre Lebenswünsche äußeren. Und ich werde die Gelegenheit nutzen, den Dank der Schule zum Ausdruck zu bringen. Denn vor uns stehen die Bürger der Stadt Erfurt und die Gäste der Stadt. Und besonderes Anliegen ist auch &#8211; neben dem Gedenken an die Toten &#8211; sich bei denen zu bedanken, die geholfen haben, dass alle Überlebenden bis hierher kommen konnten. Es gibt keine Gelegenheit, allen Menschen in Deutschland so zu danken, wie es eigentlich notwendig wäre und wie wir es uns wünschen würden. </p>
<p>Und für Sie persönlich, was bedeutet dieser Tag für Sie?<br>
Durch die Veranstaltung ist es zunächst ein organisierter Tag, der kaum Platz bietet. Ich werde mir aber diesen Raum eröffnen. Unabhängig von dem, was andere tun. Denn das gleiche Recht, das für alle Lehrer und Schüler gilt, nehme ich auch für mich in Anspruch. Ich muss ein wenig mehr tun, als die verschiedenen Angebote zu nutzen. Schließlich bin ich Teil dieses Angebots. Und am Rande des Tages habe ich mir das Schlupfloch eröffnet, wo ich selbst den Dingen nachgehen kann, die für mich an diesem Tag wichtig sind. Und das werde ich ohne Öffentlichkeit tun. </p>
<p>Ein Platz zum Wohlfühlen und an dem man sich geborgen fühlt?<br>
So ist es. Den werde ich am Ende der Veranstaltung haben. Mit Menschen, die in dem ganzen Prozess für mich wichtig sind. Das kann ich allen nur wünschen. Denn es wird ein schwerer Tag werden &#8211; für uns alle. </p>
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		<title>Speisen wie Willy und Willi</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:44:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Erfurt. (tlz) Schinkenschaumbrot Berolina, Harzer Bachforelle und Dummersdorfer Mastkalbskotelett, Wodka und Rotkäppchen halbtrocken &#8211; Harald Roggensack, bis zur Wende Oberkellner im &#8220;Erfurter Hof&#8221;, hat sie wiederentdeckt, die Speisekarte vom 19. März 1970. Dem Tag, als das erste Hotel am Platze einen neuen Beinamen bekam: &#8220;Willy-Willi-Hotel&#8221;. &#8220;Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Erfurt. (tlz) Schinkenschaumbrot Berolina, Harzer Bachforelle und Dummersdorfer Mastkalbskotelett, Wodka und Rotkäppchen halbtrocken &#8211; Harald Roggensack, bis zur Wende Oberkellner im &#8220;Erfurter Hof&#8221;, hat sie wiederentdeckt, die Speisekarte vom 19. März 1970. Dem Tag, als das erste Hotel am Platze einen neuen Beinamen bekam: &#8220;Willy-Willi-Hotel&#8221;. &#8220;Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre? Willi Stoph erwartete mich am Bahnhof, von dem wir zum Erfurter Hof hinübergingen. Als ich mich zurückgezogen hatte, tönte es in Sprechchören: Willy Brandt ans Fenster!&#8221; So liest es sich in den Erinnerungen des damaligen Bundeskanzlers. Auch für Gerd Freytag ist der Tag unvergessen: Er arbeitete 24 Jahre im &#8220;Erfurter Hof&#8221; und war zum Besuch von Willi Stoph und Willy Brandt im &#8220;Pilsner&#8221; mit der Betreuung der Journalisten beschäftigt. Darunter Eduard von Schnitzler: Einen so griesgrämigen Menschen wie ihn habe er später nie mehr getroffen: &#8220;Dem war wirklich nichts recht zu machen.&#8221;</p>
<p>&#8220;Nur die ,Besten´ durften damals nach vorn&#8221;, erinnert sich Werner Lusche. Er sei der Stift gewesen, der gerade im Erfurter Hof angefangen hatte, und musste im Hintergrund bleiben: &#8220;Was dieses Treffen bedeutete, dass es ein Meilenstein deutsch-deutscher Geschichte war, ist mir erst mit den Jahren deutlich geworden.&#8221; Der Speiseplan von 1970 ist die historische Spezialität, die Werner Lusche &#8211; heute Inhaber der &#8220;Rathaus arcade&#8221; &#8211; seinen Gästen auftischen konnte: Etwa 300 waren es jüngst, Ex-Erfurter-Hofler und &#8220;Kosmonauten&#8221; &#8211; das &#8220;Kosmos&#8221; war ein Teil des Erfurter Interhotels -, die zum 6. Mal von überall her nach Erfurt kamen, um sich zu erinnern. Daran, wie einst Walther Leisler Kiep im Grand Hotel die Schuhe gestohlen und die Kosmonauten Juri Gagarin und Siegmund Jähn bewirtet wurden, wie die Puhdys nach dem Konzert an der Bar standen und Erich Honecker zur Hasenjagd aufbrach &#8211; &#8220;an das Leben im Hof eben&#8221;, wie Lusche sagt. An all das, was sich auf gut 5000 Quadratmetern in 173 Zimmern, im Hotelrestaurant Erfordia, Moccabar, Winzerkeller, Kakteencaf-, Regina-Bar, Pilsner-Bierbar und &#8220;Rendezvouz&#8221; abgespielt hat. Erinnerungen an die flambierten Fleischspieße des &#8220;Erfurter Rades&#8221;, Trepangsuppe &#8220;Hongkong&#8221;, Island-Kaviar, Pökelzunge mexikanisch, Kakao mit Nuss aus Neudietendorf oder der Holländer-Kaffee mit Eierlikör, Sahne und Zimt &#8211; Speisen, die die weite Welt in den Erfurter Hof brachten und auf der Speisekarte in Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch gepriesen wurden.</p>
<p>Auch das Aus des Erfurter Hofes, als am 30. Juni 1995 eine Sicherheitsfirma die Regie im Haus übernahm, die zuletzt noch 28 von einst 350 Mitarbeitern gehen mussten, war jetzt wieder Thema für Freytag, Roggensack, Lusche und all die anderen.</p>
<p>Mehr aber noch, dass sich die &#8220;Geschichte offenbar wiederholt&#8221;, wie Lusche sagt: Zehn Jahre nach dem Bahnhof wurde 1904/1905 das Hotel gegenüber gebaut. Jetzt läuft der Bahnhofsumbau auf Hochtouren &#8211; und in den Erfurter Hof soll wieder das Leben eines Fünf-Sterne-Hotels einziehen. Nicht nur Werner Lusches Augen glänzen bei dem Gedanken daran.</p>
<p>Aus der Chronik: Internationale Gäste</p>
<p>Louis Armstrong und seine All Stars, Schwimmweltmeister Roland Matthes, Kosmonaut Juri Gagarin, Egon Krenz und Franz Joseph Strauß, Willy Brandt und Willi Stoph, die Puhdys und Roy Black: Alle haben eines gemeinsam &#8211; sie waren Gäste im &#8220;Erfurter Hof&#8221;. Wie die meisten Erfurter &#8211; mindestens einmal in ihrem Leben. Zum Abschlussball, zur Hochzeitsfeier, zur Jugendweihe oder anderen gehobenen Anlässen. Kaum jemand, der nicht einen wirklich besonderen Moment in seinem Leben mit dem einstigen Grand Hotel verbindet.</p>
<p>&#8220;Die Modernität des Weltklassehotels soll in seiner äußeren Gestaltung ablesbar sein, weshalb ein klassischer Stil gewählt wurde, welchem zugleich die Monumentalität sowie auch gleichzeitig das Wohnliche des Hauses anhaftet&#8221;, schrieb Georg von Kossenhaschen in seinem Bauantrag für einen zweiten, östlich an den Erfurter Hof anschließenden Hotelkomplex im Jahre 1912.</p>
<p>Seine Hoch-Zeit erlebte das Hotel nach der Übernahme durch die Interhotel-Kette: Die Speisekarte konnte durch Importware aus Westdeutschland erweitert werden. Ab 1990 allerdings konnte das Vorzeigehotel, das einst alle Ansprüche erfüllte, nicht mehr mithalten.</p>
<p>Zuletzt habe nur noch der Übernachtungspreis von 190 D-Mark für Luxus gestanden, den DDR-Betten und -Schrankwände, vermehrte Wassereinbrüche und miserabler Brandschutz nicht mehr rechtfertigen konnten. Die Zimmer zu klein, dazu der Lärm vom Bahnhof &#8211; die Gäste blieben weg. 1995 schließlich das Aus.</p>
<p>Jetzt ist die Interhotel-Gruppe wieder aktiv: Mit dem Rückhalt aus dem Erfurter Stadtrat, der sich für das erste und einzige Fünf-Sterne-Hotel der Stadt gegenüber dem Bahnhof ausgesprochen hat, wird nun im Detail die Zukunft des Traditionshauses geplant. Ein Betreiber wird noch gesucht, doch die Interhotel-Holding ist Herr über 5500 Hotelbetten in den neuen Bundesländern &#8211; da werde sich ein Partner finden, wie Martin Ernst, Mitglied der Geschäftsführung, sagt. Und: &#8220;Mitte 2006 soll das Fünf-Sterne-Hotel eröffnet werden.&#8221; Zugesagtes müsse noch in Vertragsform gebracht werden und Gespräche mit dem Finanzministerium zur Unterbringung der Spielbank stünden an. Mit dem &#8220;Bekenntnis der Erfurter&#8221; zu ihrem &#8220;Erfurter Hof&#8221; sieht Ernst den Startschuss für die Detailplanung gegeben.</p>
<p>Der Kontrahent im Erfurter Wettrennen um das erste Fünf-Sterne-Hotel schmollt: Im Brühl, dem alten Industrie-Viertel in Nachbarschaft zum Dom, waren die Verhandlungen mit der Baumhögger-Gruppe in vier Jahren schon weit gediehen. Von Schadenersatz-Forderungen ist die Rede &#8211; vermutlich ein kleiner Preis, scheint es für die Stadt doch unbezahlbar, wenn aus der Ruine gegenüber dem Hauptbahnhof wieder der &#8220;Erfurter Hof&#8221; wird. </p>
<p>04.04.2003 Von Frank Karmeyer</p>
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		<title>Erfurter Dom: Für fünf Cent zum Abschlecken</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:44:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Erfurt. (tlz) Wenn Fritz Haase jemandem seine Briefmarkensammlung zeigt, dann geht es dem Mann aus Bremen nicht darum, ein Mädchen herum zu kriegen. Zumal das Album mit rund 90 gezackten Exemplaren recht überschaubar ist. Aber: Allesamt sind es kleine Kunstwerke, die der 66-jährigen Professor mit seiner Ehefrau Sibylle selbst geschaffen hat und die in millionenfacher [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Erfurt. (tlz) Wenn Fritz Haase jemandem seine Briefmarkensammlung zeigt,<br>
dann geht es dem Mann aus Bremen nicht darum, ein Mädchen herum zu kriegen.<br>
Zumal das Album mit rund 90 gezackten Exemplaren recht überschaubar ist.<br>
Aber: Allesamt sind es kleine Kunstwerke, die der 66-jährigen Professor mit<br>
seiner Ehefrau Sibylle selbst geschaffen hat und die in millionenfacher<br>
Auflage Briefe in alle Welt zieren. Die Kunst des Grafiker-Paares wird<br>
abgerissen, abgeschleckt und aufgeklebt &#8211; ab morgen auch eine Ansicht des<br>
Erfurter Domes. Nur 2,15 mal 2,55 Zentimeter groß ist die so genannte<br>
Dauerbriefmarke, dafür wird sie in millionenfacher Auflage gedruckt &#8211; und<br>
ist für nur fünf Cent zu bekommen.&#8221;Mit der Geschichte der Luftfahrt hat alles begonnen &#8211; 1980&#8243;, erinnert sich<br>
Haase im Gespräch mit der TLZ. Damals waren die Haases zum Wettbewerb der<br>
Post eingeladen worden, ihre Motive gefielen der Jury am besten. Weitere<br>
Marken folgten, ehe die Bremer 1987 den Zuschlag für die Serie<br>
&#8220;Sehenswürdigkeiten in Deutschland&#8221; bekamen. 65 Motive haben sie inzwischen<br>
gestaltet &#8211; &#8220;der Stil sollte gewahrt bleiben&#8221;, sagt Haase. Alle Marken<br>
dieser Serie sind &#8220;handgemacht&#8221;, andere entstehen am Computer. Sibylle Haase<br>
zeichnet mit schwarzer Tusche auf einem Din-A-5-Blatt die Vorlage. Dann wird<br>
über den Ausschnitt entschieden: &#8220;Wir wollen neugierig machen, sich einmal<br>
das Original anzusehen, indem sich stets nur Teile des Bauwerks auf der<br>
Marke wiederfinden&#8221;, sagt Fritz Haase. Sie selbst allerdings haben bislang<br>
weder Erfurt noch vor Ort den Dom gesehen, verrät der Grafiker, der den<br>
Besuch jedoch nachholen will: &#8220;Die Bücher haben uns neugierig gemacht.&#8221;<br>
Unterlagen des Dombauamtes, Fotos aus Büchern, historische Ansichten &#8211; sie<br>
dienten als Grundlage für die Tuschezeichnung.<br>
Detailgenaue Striche<br>
Anders als in Köln, fühlen sich die Haases in Erfurt gut informiert: &#8220;Dort<br>
hatte uns das Bauamt schlicht empfohlen, ein Buch über den Dom zu kaufen.<br>
Die Folgen waren fatal&#8221;, sagt der 66-Jährige. Auf der Marke sei ein<br>
architektonisches Detail enthalten, das heute so nicht mehr existiere. Der<br>
Ärger war groß &#8211; die Freude der Briefmarkensammler angesichts dieser<br>
Hintergrundgeschichte umso größer. Dennoch sei nicht jeder Winkel, jedes<br>
Ornament auf das Postwertzeichen zu übertragen.<br>
Beim Erfurter Dom seien derartige Widersprüche nicht zu erwarten: &#8220;Nach Köln<br>
sind sind wir noch vorsichtiger geworden&#8221;, sagt Haase. Schließlich sind die<br>
Marken über die Jahre immer detailgenauer geworden: Je besser das<br>
Druckverfahren, umso schmaler die Strichstärke der Zeichnung.<br>
Eine Lieblingsmarke hat Professor Haase nicht: &#8220;Das ist immer die, an der<br>
wir gerade arbeiten&#8221;, sagt er. Am besten sähen sie aus, wenn sie<br>
nebeneinander geklebt würden und alte und moderne Architektur auf Umschlägen<br>
durch die Gegenüberstellung wirke, wenn Meisterhäuser aus Dessau auf den Dom<br>
der Spätgotik treffen.<br>
Und dass seine Kunstwerke abgeschleckt werden, stört den Grafiker nicht im<br>
Geringsten: &#8220;Das ist Ausdruck einer persönlichen Beziehung zu unseren<br>
Werken&#8221;, sagt er mit einem Schmunzeln. Er weiß: Künstler wie Pop-Art-Ikone<br>
Andy Warhol hätten sich über eine so große Verbreitung ihrer Kunst und so<br>
viele begeisterte Sammler gefreut &#8211; die Auflagenzahlen der &#8220;alten<br>
Briefmarken-Haasen&#8221; aus Bremen sind wohl ungeschlagen. </p>
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		<title>Wenn Mars in Opposition geht</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 08:43:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Erfurt. (tlz) Die USA bekommen ihren ersten schwarzen Präsidenten, Angela Merkel wird wiedergewählt, in Thüringen übernimmt Rot-Rot-Grün die Regierung und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein locken neue Aufgaben in die Landes-, wenn nicht sogar Bundespolitik; er werde jedenfalls nicht erneut als OB kandidieren. Roman Lehmann, der sich lieber geheimnisvoll Roman L. nennt, hat in die Zukunft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Erfurt. (tlz) Die USA bekommen ihren ersten schwarzen Präsidenten, Angela Merkel wird wiedergewählt, in Thüringen übernimmt Rot-Rot-Grün die Regierung und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein locken neue Aufgaben in die Landes-, wenn nicht sogar Bundespolitik; er werde jedenfalls nicht erneut als OB kandidieren. Roman Lehmann, der sich lieber geheimnisvoll Roman L. nennt, hat in die Zukunft geschaut. Der 46-Jährige tut dies von Berufs wegen, für einen Stundensatz von 130 Euro und hält sich dazu derzeit in einem Erfurter Hotel auf.<br>
Seine &#8220;Europatournee&#8221; habe ihn in die Stadt geführt. Er komme zu den Menschen, die es sich nicht leisten können, an seinen Wohnort in die Schweiz zu reisen. &#8220;Lebenshilfe&#8221; nennt er in erster Linie das, was er tut als Handleser, Seher, Motivationstrainer, Wahrsager, Astrologe und Parapsychologe&#8230; Und dies mit Vorliebe für Prominenz, davon zeugen jedenfalls Dutzende Fotos, die Roman L. mit VIPs wie Uwe Seeler, Roberto Blanco, Boris Becker und Franz Beckenbauer zeigen. Als Gewerbe angemeldet sind seine Dienste, dessen Aufsicht laut Roman L. nur Todesvorhersagen untersage.</p>
<p>Sein Vater Inder, seine Mutter Deutsche, wird Roman L. im westfälischen Herford geboren, wächst in München auf und lebt nun in Bremen: Einer Stadt mit guter Energie, die er auch in Erfurt spüre, sagt er. Mehrfach sei er hier gewesen &#8211; privat. Erstmals dienstlich nun, in diesem Leben.</p>
<p>&#8220;Starke Veränderungen im politischen Bereich&#8221; sagt Roman L. voraus. Kaum verwunderlich, stehen doch u.a. Kommunal- und Landtagswahlen an. &#8220;Sehr starke Veränderungen im wirtschaftlichen Bereich&#8221; sieht der selbsternannte Seher ebenfalls: Arbeitslosenzahlen werden sinken, was am Bau eines Einkaufszentrums oder Zuzug einer Firma liegen werde &#8211; so sage es ihm die Sternenkonstellation. Ein Blick in die Tagespresse und auf dortige Berichte zu Großansiedlungen am Erfurter Kreuz oder auch in Stotternheim wären sicher näherliegender gewesen&#8230;</p>
<p>Eine gehörige Portion Lebenserfahrung darf vorausgesetzt werden bei Roman Lehmann, verheiratet, sechs Kinder. Schließlich will er schon 800 Jahre gelebt haben, das aktuelle sei sein achtes Leben. Ureinwohner der Kanarischen Inseln sei er gewesen und habe auch in Ägypten gelebt: &#8220;Da war viel dabei&#8221;, sagt Roman L. und schweigt zu Details. Er spricht lieber davon, das Tschernobyl-Unglück vorhergesagt zu haben. Auf Nachfrage schrumpft die Vision auf &#8220;eine nie dagewesene Katastrophe in der Sowjetunion&#8221;, ohne Ortsangabe. Auch den Anschlag aufs World Trade Center habe er Monate zuvor vorhergesagt: Stürzende Türme im Osten der USA habe sein Medium gesehen, das er zufällig zum passenden Zeitpunkt in die Zukunft hypnotisierte.</p>
<p>Um Informationen über Erfurt zu erhalten, reicht ihm dagegen das Geburtsdatum des Oberbürgermeisters: 5. Mai 1973. &#8220;Sehr dominant&#8221; schätzt er Bausewein ein, &#8220;sehr zielbewusst&#8221;. Die Parteizugehörigkeit allerdings muss er erfragen &#8211; und sieht darin einen Beleg dafür, dass er sich nicht vorbereitet habe auf eine Bausewein-Charakteranalyse. Einen &#8220;starken Karrierefluss&#8221; sagt er Erfurts OB voraus, es gehe &#8220;kontinuierlich nach oben&#8221;, das habe jetzt schon begonnen. Eine &#8220;Marskonstellation in Opposition zur Sonne&#8221; macht der braungebrannte Seher für die Energie und Initiative Bauseweins verantwortlich. Im privaten Bereich dagegen gehe es bei Bauseweins sehr turbulent zu, will Roman L. wissen. Ebenso, dass die Finanzierung für das Nordbad dieses Jahr noch ungeklärt bleibt, Rot-Weiß Erfurt den Aufstieg schafft und Erfurt die Goldmedaille im Wettbewerb Entente Florale versagt bleibt &#8211; &#8220;Ich muss ja auch etwas Negatives sagen&#8221;, scherzt Roman L. mit einem charmanten Lächeln.</p>
<p>Über den Platz, den sich die Rot-Weißen erspielen werden, oder die Lottozahlen vom kommenden Wochenende schweigt der Herforder, der von Tarotkarten und Glaskugeln nichts hält. &#8220;Das wäre unseriös&#8221;, sagt er. Auf seinen Lieblingsverein Werder Bremen wette er nur, wenn ein Sieg in Aussicht stünde. Am kommenden Wochenende täte er dies bestimmt nicht &#8211; und würde sich doch freuen, wenn er sich irren würde.</p>
<p>Gleichwohl: Er hält Katastrophen für Erfurt vorerst für ausgeschlossen. Mit der tragischen Vergangenheit &#8211; &#8220;Stichwort: Gutenberg-Gymnasium&#8221; &#8211; habe die Stadt ihr Kontingent in diesen Dingen vorerst erschöpft.</p>
<p>Dem Autor dieses Beitrags übrigens sagt Roman L. (ganz kostenlos) die Einnahme einer großen Summe Geldes voraus. Was nicht sehr wahrscheinlich scheint, stehen ihm doch zum Jahreswechsel einige Monate Elternzeit bevor &#8211; unbezahlt&#8230;</p>
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		<title>Grundstein zum Glück</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Oct 2010 22:30:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Karmeyer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Erfurt im Glück? Seit Sonntag, gegen 13.30 Uhr, sollte sich jeder besser, reicher, sicherer und gesünder fühlen als je zuvor. Etwa nicht? Dann ist wohl etwas schief gegangen bei der Grundsteinlegung für den "Turm der Unbesiegbarkeit".]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Erfurt. (tlz) Erfurt im Glück? Seit Sonntag, gegen 13.30 Uhr, sollte sich jeder besser, reicher, sicherer und gesünder fühlen als je zuvor. Etwa nicht? Dann ist wohl etwas schief gegangen bei der Grundsteinlegung für den &#8220;Turm der Unbesiegbarkeit&#8221;, die Anhänger des Maharishi-Kults am Sonntag im Sorbenweg feierten &#8211; mit Räucherstäbchen, Blumenketten und gedecktem Apfelkuchen aus Frömmstedt.  </p>
<p>Die etwa 50 Anhänger Maharishis jedenfalls wähnen sich im Glück und sind optimistisch, dass die Bauverwaltung dem Bau einer Meditationsschule in Form eines Palastes aus Marmor und Gold, versehen mit einem 48 Meter hohen Turm, keinen Strich durch die Rechnung machen wird (TLZ berichtete). </p>
<p>Angelika Gottschall vom Erfurter Fanfarenorchester hatte zunächst ganz andere Sorgen: Wer kennt den Zeitplan, wann sollen ihre Musiker spielen? Wissen dürfte dies Martina Bergmann, örtliche Repräsentantin des Maharishi-Erleuchtungscenters in Erfurt, die von ihrer gleichnamigen Bäckerei einen Verkaufswagen vorausgeschickt hat, aber zunächst selbst fehlt. </p>
<p>Verteilt wird kostenlos Kuchen aus der Landbäckerei, der Kaffee muss noch warten. Ebenso die Musiker, die sich zwar über eine sonntägliche Grundsteinlegung gewundert hatten, doch an einem Schulneubau nichts Anstößiges hatten finden können. Irritiert zeigen sich auch die Mitglieder des Schalmeienmusikvereins Voigtstedt, als sie erfahren, dass kein Grundstein einer Bäckerei, sondern der eines Tempels gelegt werden soll. Gespielt wird dennoch &#8211; und der Chef der Gruppe wird von seinen Kollegen getriezt, bei Vertrag und Gage darauf geachtet zu haben, dass Euro hinter der Summe steht. Schließlich haben sie gerade etwas vom &#8220;Raam&#8221; gehört, der ganz eigenen Maharishi-Währung, für die es in Holland sogar etwas zu kaufen geben soll. </p>
<p>Das behauptet jedenfalls Wolfgang Gied aus dem glücklichen Hannover: Dort gibt es nämlich schon einen Friedenspalast, auf den Erfurt noch warten muss. Statt neu zu bauen, wurde in der niedersächsischen Hauptstadt einfach ein repräsentatives Gebäude gekauft. </p>
<p>In Erfurt machen sich die Maharishi-Fans das Ganze nicht so einfach: Im strömenden Regen steigt Emanuel Schiffgens, Kurator der Maharishi-Stiftung und Geschäftsführer der Maharishi-Veda-GmbH, gehüllt in ein asiatisch anmutendes Gewand, in eine soeben ausgehobene Grube. Dass die Schalmeien dabei &#8220;Wien bleibt Wien&#8221; spielen, stört niemanden. Was ist im Grundstein, einem kupfernen Gefäß denn drin? &#8220;Edelmetall, Edelsteine, Blütenblätter, natürlich Reis&#8221;, sagt Schiffgens, der sich Raja Schiffgens nennt &#8211; ein Titel &#8220;aus dem globalen Land des Weltfriedens&#8221;, wie er sagt. Der Inhalt des Grundsteins soll Glücksbringer für das Haus sein, das schließlich drei Millionen Euro kosten soll und Rendite nicht nur den Käufern einer so genannten Unbesiegbarkeitsanleihe bringen soll. Profitieren werde auch Erfurt, verspricht Schiffgens, der mit seinen Anhängern in der &#8220;Natursprache Sanskrit&#8221; gebetet hat für den geplanten Tempel. Fast entrückt Blumen haltend, haben sich die Maharishi-Fans ihrer Schuhe entledigt, zuvor aber noch die Nationalhymne angestimmt im Festzelt, auf das der Regen trommelt. Die Stimmung ist getragen, nach der zuvor fröhlichen Kutschfahrt, die zum Anger führen sollte und doch &#8211; aus Zeitmangel, wie es heißt &#8211; schon am Hauptbahnhof mit einem Mannschaftsfoto endet. Schließlich sollten pünktlich um 13.22 Uhr in 192 Ländern der Welt Grundsteine für Friedenstürme gelegt werden, wie es heißt. Erfurt verspätet sich, doch Martina Bergmann hält dies für kein Problem an diesem Tag, dem &#8220;glückverheißenden vedischen Fest von Guru Purnima&#8221; in der Mitte Deutschlands. </p>
<p>Und der Regen? Wäre denn nicht mit yogischem Fliegen und transzendentaler Meditation die Sonne zu locken gewesen, wenn sich damit doch Herzinfarkte, Kriminalität und der Weltfrieden regeln lassen, will die TLZ wissen. Der Regen sei ein Zeichen der Zufriedenheit der Götter, sagt Schiffgens. Er trägt dabei ein Lächeln im Gesicht, als würde er seine Worte selbst glauben. </p>
<p>29.07.2007 Von Frank Karmeyer</p>
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